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Leseprobe
Lauras letzter Lebenstag war ein Mittwoch.
Es war zehn Minuten nach eins, als ihre Hände über der Computertastatur schwebten, um das Programm mit den Patientendaten zu schließen und den Computer herunterzufahren. Mittwochnachmittag war die Praxis geschlossen, sie war für den Rest des Tages frei. Zufrieden beobachtete sie, wie der Rechner ihrem Tastendruck gehorchte und sich ordnungsgemäß verabschiedete.
„Kannst du die Post mitnehmen?“ Ihre Chefin steckte den Kopf durch die Tür und hielt einen Stapel Briefe hoch.
„Klar. Ich gehe sowieso noch durch die Stadt.“
„Du bist ein Schatz. Danke. Wir sind jetzt auch fertig. Frau Linstedt zieht sich noch an.“ Die Briefe landeten auf dem Empfangstresen. Laura kontrollierte rasch die Frankierung, bevor sie die Briefe in ihrer Handtasche verstaute.
„Tschüss, Laura“, klang es zweistimmig aus dem Flur. „Schönen Nachmittag noch. Und danke, dass du noch wartest.“ Sandra und Kathrin waren bereits umgezogen und winkten von der Tür.
„Kein Thema“, lächelte Laura. „Macht’s gut. Bis morgen.“
Sie räumte die herumliegenden Schreibutensilien auf, brachte die letzten Karteikarten in der Registratur unter und klopfte an die Tür des Sprechzimmers. „Frau Linstedt? Wollen wir zusammen nach unten gehen?“
„Ja, gern. Ich komme.“ Die Achtundsiebzigjährige erschien, auf einen Gehstock gestützt, in der Tür. „Damit bin ich ja noch ganz gut zu Fuß.“ Sie hob ihren Stock. „Aber diese Treppe ... Sie sind ein Schatz, Kindchen.“ Dankbar tätschelte sie Lauras Wange. „Ein richtiger Sonnenschein.“ Sie wandte sich um. „Stimmt’s Frau Doktor?“ Die Ärztin lächelte. „Da haben Sie Recht, Frau Linstedt, Laura ist der gute Geist unserer Praxis.“
Laura ergriff den Arm der alten Dame. „Na, dann wollen wir mal.“ Behutsam dirigierte sie die Patientin zum Ausgang. Sie begleitete Frau Linstedt noch bis zum Taxistand am Theaterplatz und schlenderte dann in Richtung Nabel.
Am Geldautomaten der Sparkasse ließ sie sich hundert Euro auszahlen. Damit würde sie bis zur nächsten Woche auskommen. Weil die neuen Scheine für ihr Portemonnaie zu groß waren, knickte sie die Enden gewohnheitsgemäß einen Fingerbreit um.
Früher waren sie meistens zu zweit oder zu dritt gegangen, hatten bei Wehmeyer und Karstadt oder in einer der neuen Boutiquen nach coolen Klamotten gesucht, kichernd das eine oder andere Stück anprobiert und bei Cron & Lanz in Kaffee und Kuchen investiert, um auf die Weender hinabschauen und vorübergehende Männer begutachten zu können. Doch seit Sandra einen festen Freund hatte und Kathrin sich auf die Prüfung vorbereitete, bummelte sie oft allein durch die Fußgängerzone.
Sie widerstand den verlockenden Duftschwaden, die sie hier und da aus Bratwurst- oder Dönerläden anwehten. Zwar lag ihr Gewicht noch unter jenen Werten, die in den Frauenzeitschriften des Wartezimmers als ideal dargestellt wurden, aber Laura fand sich trotzdem zu dick.
Sie sah auf die Uhr. Der nächste Bus nach Grone fuhr in gut zehn Minuten. Sie würde schon um zwei in ihrer Wohnung sein.
Laura liebte ihren freien Mittwochnachmittag, der einzige Nachmittag in der Woche, an dem sie Zeit für sich hatte. Die Wochenenden waren auch schön. Aber ausgefüllt. Durch Verabredungen, Kino- und Discobesuche. Einer aus der Clique hatte immer eine Idee. Manchmal fuhren sie mit zwei oder drei Autos nach Duderstadt oder nach Nordhausen. Letzten Samstag waren sie in Kassel gewesen. Im Musikpark A 7. Ziemlich coole Disco.
Zu Hause würde sie sich einen Obstteller zurechtmachen, sich aufs Sofa legen und durch die Programme zappen, vielleicht eine der nachmittäglichen Talkshows ansehen und später eine Runde laufen. Anschließend würde sie sich ein ausgiebiges Schaumbad gönnen. Diesen Luxus konnte sie sich während der Arbeitswoche nur einmal leisten, nur mittwochs hatte sie die Muße dafür.
Darum war Lauras letzter Lebenstag ein Mittwoch.
Der Mann, der Laura töten würde, war voller Unruhe. Wieder und wieder trieb ihn die Rastlosigkeit durch die Wohnung. In der Küche öffnete er den Kühlschrank und nahm sich ein neues Bier. Während die schäumende Flüssigkeit in den Rachen strömte, schnippte er die Verschlusslasche aus dem offenen Fenster.
Wenn die Schnecke da wäre, dachte er, könnte ich ... Aber sie will solche Sachen nicht. Höchstens, wenn sie besoffen ist.
Er warf die leere Bierdose ebenfalls hinaus und suchte im Kühlschrank nach etwas Essbarem. Doch neben ihren Joghurtbechern fanden sich nur ein Stück Schnittkäse und ein Ende Fleischwurst. Er biss ein Stück von der Wurst ab und legte sie angewidert zurück. Dann lieber noch ein Bier. Diesmal schnippte er die Lasche in Richtung Abfalleimer, traf aber daneben.
Achselzuckend verließ er die Küche.
Scheiße mit den Tussen. Wenn man sie braucht, sind sie nicht da. Und er brauchte dringend eine. Bis sie von der Arbeit kam, vergingen noch Stunden.
Blödes Weib, ging arbeiten für die paar Kröten. Andererseits, wenn sie da gewesen wäre, hätte er sich nicht das geile Video reinziehen können. Außerdem – wenn sie tagsüber aus der Wohnung war –, konnte er ungestört seine Deals machen. Oder mal ‘ne Tusse mitbringen. Für so Sachen wie auf dem Video. Aber mit den meisten war auch nicht viel los. Selbst die Nutten brachten nicht das, was er wollte.
Nur einmal war’s richtig geil gewesen. Als er das Messer dabei hatte. War eigentlich mehr Zufall gewesen. Aber die Alte war plötzlich sehr entgegenkommend geworden. Danach hatte er immer ein Messer mitgenommen.
Er durchsuchte seine Taschen. Keine Kohle. Jedenfalls nicht genug für das, was er jetzt brauchte. Wurde Zeit, dass er ein cooles Ding drehte.
Am liebsten würde er mal mit ihrer Freundin Laura ... Bloß, dass er dann Ärger kriegen würde. Im Suff hatten sie schon mal über ‘ne Sache zu dritt gequatscht. Sie wollte lieber was mit zwei Jungs machen. Aber nichts mit Fesseln und so. Und Laura konnte ihn nicht so gut ab. Wenn er ihr allein begegnete, war sie immer ziemlich abweisend. Dabei war sie bestimmt total geil. So gut geformt. Besonders hinten. Kam wohl von der Lauferei. Wenn er sich vorstellte, wie er sie ... Wenn seine Schnecke nicht da war. Theoretisch könnten sie jede Woche ...
Wütend schleuderte er die leere Bierdose gegen die Wohnungstür. Ein dünnes Rinnsal lief aus halber Höhe die Tür hinab und tropfte auf den Fußboden.
Er starrte auf die leere Dose, ohne sie wahrzunehmen. Hier hielt er es nicht länger aus. Irgendwo musste sich doch eine finden lassen, mit der er ... auch ohne Kohle.
Als er nach seiner Jacke griff, klingelte es. Genervt riss er die Wohnungstür auf.
Und öffnete verblüfft den Mund. Aber er musste sich erst räuspern. Und bevor er etwas sagen konnte, sprach die Besucherin.
„Hallo. Entschuldige die Störung. Bei mir geht das heiße Wasser nicht. Kannst du mal nachsehen?“
Laura. Im Bademantel.
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