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Leseprobe
Der Mangel an konfliktverarbeitender Kraft führt eines Tages zur alles vernichtenden Explosion. Solche Katastrophen geschehen nicht beim brutal robusten, sondern beim schwachen Menschen. Der Schwache unternimmt lange nichts, meist sogar nie etwas … Jedoch, wenn dann doch einmal etwas geschieht, geschieht es über alle Maßen.
Hans Bürger-Prinz
Rechts und links der Wohnungstür ragten im Halbdunkel Zeitungstürme bis zur Decke hinauf. Es mochten fünftausend, vielleicht sogar zehntausend oder mehr Ausgaben der Braunschweiger Zeitung sein, die sich an den Wänden des fensterlosen Flurs stapelten. Ein junger Polizist stand in der Tür zu der kleinen Küche, in der alles, Herd, Tisch, Spülstein, so schmutzig war, wie Emma es noch nie zuvor gesehen hatte.
Der alte Mann in den ausgebeulten Hosen und dem schmutzigen Unterhemd wiegte seinen mageren Körper monoton hin und her. „Ich hab sie umgebracht. Ich hab sie umgebracht.“ Sein Wimmern klang wie die Litanei eines Klageweibes.
Der Grauhaarige mit dem müden Gesicht neben ihm musste der Arzt sein, der die Polizei verständigt hatte. Emma reichte ihm die Hand. „Kampmann, Hauptkommissarin. Dr. Söring? Sie haben uns angerufen?“
Der Arzt nickte. „Herr Sefkow hat mich vor einer Stunde aus der Praxis holen lassen, weil es seiner Mutter sehr schlecht ging, aber als ich ankam, war sie schon tot. Sie war hochbetagt, hatte Diabetes, Probleme mit dem Herzen und einige alterstypische Beschwerden. Ich hätte ohne Bedenken den Totenschein ausgefüllt, aber Sie sehen ja, was hier los ist.“
Emma hatte sich mit dem Auto mühsam einen Weg an den versammelten Nachbarn vorbei bahnen müssen, die gar nicht daran dachten, ihren Logenplatz direkt unter dem Küchenfenster zu räumen, aus dem das Schreien und Schluchzen drang. Jetzt standen sie, für eine aufregende Stunde vom Unkraut jäten und Straße fegen befreit, unter den Fenstern des Fachwerkhauses, entschlossen, sich nichts entgehen zu lassen.
Niemand hatte sich für sie und ihren grauen Kombi interessiert, den Emma kurzerhand vor der Einfahrt des Nachbarhauses abstellte. Erst als Karowski sie begrüßte, dem seine Uniform und der Streifenwagen unzweifelhafte Autorität verschafften, hatte man von ihr Notiz genommen.
„Wer ist denn das?“
„Vielleicht eine vom Beerdigungsinstitut?“
„Nee, die kommen doch immer zu zweit und bringen gleich den Sarg mit.“
„Etwa von der Kripo?“
„Die? Die schaut aber nicht wie ein Kommissar aus.“
Emma hatte aus den Augenwinkeln gesehen, wie sie taxiert wurde. Zweifellos hielt man die zierliche, unscheinbare Person mit dem aschblonden Bubikopf keineswegs für die richtige Besetzung in diesem Vormittagsdrama.
Emma wandte sich an Kleiber, den blassen Polizeianwärter in der Küchentür. „Wo ist die Tote?“ Er trat einen Schritt in den Flur zurück und verschwand durch eine mannshohe Öffnung in der Zeitungswand.
„Ich würde jetzt gerne gehen, wenn nichts dagegen spricht.“ Der Arzt sah fragend zu Emma hinüber. „Seit einer Stunde ist meine Praxis geöffnet, und Sie können mir glauben, dass keiner von denen, die dort sitzen, nach Hause geht, bevor ich ihm nicht höchstpersönlich gesagt habe, dass ich nichts sagen kann.“
„Gut, Doktor. Sollte es noch Fragen geben, melden wir uns bei Ihnen.“ Emma nickte ihm zu, zwängte sich hinter Kleiber her in den Zeitungstunnel und machte sofort wieder kehrt.
„Moment noch, Herr Doktor! Gibt es andere Angehörige? Jemanden, der sich um alles hier kümmern könnte?“
Söring warf einen Blick zurück in die Küche, wo der Alte zwar aufgehört hatte zu jammern, aber immer noch auf seinem Stuhl vor- und zurückwiegte. „Eine Nichte, die irgendwo am westlichen Ring wohnt. Genaueres weiß ich leider nicht“, antwortete er und verließ die Wohnung.
Kleiber wartete in einem Raum, der ein Badezimmer sein musste. Zwischen Bergen von Kartons, Plastikeimern und Stoffknäueln jeder Größe und Farbe waren hellblaue Fliesen erkennbar. In der Badewanne schien seit Jahren kein Mensch mehr gelegen zu haben, im Waschbecken türmten sich Seifenpackungen, Haftpulverschachteln und gelb eingetrocknete Handtücher. Das Klobecken musste dort sein, wo über einem Müllberg der Deckel des Wasserkastens zu sehen war.
„Sagenhaft!“, entfuhr es Emma, als sie Kleiber folgte, der mit zusammengepressten Lippen und starren Augen vor der geöffneten Tür des Badezimmers stehen blieb.
Ein Schlafzimmer, rechts der Nachtschrank, die Ehebetten, der zweite Nachtschrank auf der anderen Seite schon fast unter dem Fenster. In der Mitte an der Wand über dem Kopfende ein gewaltiges Bild mit Wolken, Engeln und Sonnenstrahlen. Am Fußende der Betten ein schmaler Gang, auf dessen Wandseite ein klobiger, wulstiger Kleiderschrank stand. In die mittlere Schranktür war ein ovaler Spiegel eingefasst.
Im Dämmer der dicht geschlossenen Fensterläden und dem funzeligen Licht einer einzelnen Deckenbirne schien die Tote nur ein weiterer Schatten zu sein. Sie lag auf dem Rücken, der Kopf war ein wenig nach hinten gesunken, der zahnlose Mund hatte die Lippen nach innen gesogen und gab dem runzligen Gesicht etwas Erstauntes. Ihre Hände lagen entspannt auf der Decke, wo sie vor ein paar Stunden noch fahrig hin und her gewebt haben mochten.
Das rechte Auge war fest geschlossen, aus dem linken schien sie unter einem halb gesenkten Oberlid das Geschehen im Raum wie aus einem Hinterhalt zu beobachten.
Kleiber traute sich keinen Schritt von der Tür fort. Emma trat vor den Nachttisch, auf dem in einem Pappkarton Tablettenstreifen, verpackte und benutzte Spritzen, Tropfen, Fläschchen und ein paar graue Heftpflaster eine wüste Mischung ergaben.
„Möchten Sie vielleicht nach draußen gehen?“ Kleiber schien die abgestandene Luft, in der es nach Tod, Alter, Schimmel, Medikamenten und Fäkalien roch, kaum noch ertragen zu können. Emma war froh, als er sich davonmachte. Jetzt störte sie das Gefühl nicht mehr, etwas sagen zu müssen, weil jemand neben ihr stand.
Ihr Blick ging über das Durcheinander. Kleiderberge. Eine Kiste mit Bügeln aus Holz. Kartons, deren Deckelklappen den Inhalt verbargen. Schmale Gassen, die wie Maulwurfsgänge von der einen Bettseite zur anderen, zum Schrank und zum Fenster führten, ließen Bettvorleger und Brücke aus schmutzigem Perserimitat durchscheinen. Im linken Bett lag eine unbezogene, klumpige Federdecke auf dem verrutschten Laken, das Kissen steckte in einem rosa-hellgrün-weiß gestreiften Bezug, an dem die Knöpfe fehlten.
Über der dreiteiligen Matratze des Totenbettes gab es kein Laken, dafür war das Oberbett bezogen und bedeckte die Tote bis zur Brust. Arme und Schultern steckten in einem gräulichen Flanellnachthemd, das offenbar hinten der Länge nach aufgeschnitten worden war, um es bequemer von vorn über den Körper stülpen zu können. Emma hob es an einer Kragenecke vorsichtig an und betrachtete die weißen faltigen Hautlappen über Schulter und Brust. Haut genug, um einen fülligen Körper zu bedecken und sich straff über Fleisch und Fett zu spannen.
„Kann ich?“ Die Frage des Pathologen riss Emma aus ihren Gedanken. Sie nickte und war dankbar, dass es Hellwig war, der an das Bett trat. Dr. Kruse, ein Schwätzer und Gute-Laune-Kasper, wäre ihr auf die Nerven gegangen. Wortlos verließ sie den Raum, sah kurz in die Küche, wo der Alte jetzt ruhig war und mit einem Glas Wasser in der Hand vor sich hinstarrte.
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