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Leseprobe
„Morgen, Dottore“, grüßte Manzetti, als Bremer auf seiner Höhe war. „Mal wieder vor lauter Träumen das Telefon nicht gehört?“
„Ich lach mich tot, Manzetti“, schnaufte der Gerichtsmediziner.
„Sind Sie in diesem Zustand überhaupt in der Lage, vernünftig zu arbeiten?“ Manzetti fragte das, weil ihm Bremers Fahne, die zu dem Mann gehörte wie der Stern zu Mercedes, hier draußen in der frischen Luft geradezu ekelerregend in die Nase strömte.
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Ich habe drei Stunden
geschlafen, das reicht.“
Manzetti zuckte mit den Schultern und folgte dem Mediziner schweigend bis vor die Klause, wo er sich so hinstellte, dass der Wind den Fuselgeruch von ihm wegtrug. Er kannte Bremer nun schon viele Jahre, ebenso viele, wie der an der Flasche hing. Weil er ihn trotzdem mochte, litt Manzetti bei jedem Aufeinandertreffen der beiden an seinem eigenen Mitleid, das er einfach nicht ablegen konnte und mit betonter Ruppigkeit zu überspielen versuchte. Er schätzte Bremers messerscharfen Verstand, seinen Humor und auch den Einsatzwillen, drei Punkte, die in jüngster Vergangenheit jedoch immer häufiger von wahren Saufexzessen verdrängt worden waren.
„Bremer, was sehen Sie?“
Der Arzt hob nicht einmal den Kopf, als er antwortete: „Weiblich, etwa dreißig Jahre alt und weniger als acht Stunden tot. Mehr Zeit hatte ich ja noch nicht, oder?“
Manzetti trat einen Schritt zur Seite und setzte sich schwerfällig auf einen der Plastikstühle. Dabei wunderte er sich, dass man den Gästen noch im November das Angebot machte, draußen sitzen zu können. Dann blickte er wieder zur Toten.
Er sah sich die Frau genauer an. Sie war sehr hübsch. Ihre langen blonden Haare waren streng nach hinten gekämmt und dort zu einem Zopf gebunden. So boten sie dem Wind, der am frühen Morgen etwas nachgelassen hatte, kaum Angriffsfläche.
Der Täter hatte die Frau nicht einfach auf den Boden gelegt, sondern auf einen der Kneipentische, die vor der Klause standen. Dort ruhte sie wie in ihrem Bett. Nur war sie angekleidet, allerdings trug sie ein Kleid, das irgendwie nicht in die heutige Zeit passte. Vielleicht kam es fünfzig Jahre zu spät. Es war etwa wadenlang, grau und bis oben zugeknöpft. Und es hatte sogar angesetzte Puffärmel, die jede Trägerin artig aussehen ließen. Über dem Kleid trug die Tote eine schlichte Schürze, ebenfalls grau, wenn auch eine Nuance heller, die, jedenfalls soviel Manzetti momentan erkennen konnte, so eng geschnürt war, dass die Brüste der Frau regelrecht platt gedrückt wurden.
Im Übrigen konnte der Eindruck entstehen, als schliefe sie seelenruhig und ließe sich dabei von niemandem stören. Ihr Kopf mit dem ebenmäßigen Gesicht war auf ein großes Kissen gebettet. Ihre Hände steckten in einer länglichen Hülle aus flaumigem Fell.
„Woran ist sie gestorben?“, fragte Manzetti ...
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