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| Nordsee
Krimi Wolf S. Dietrich: Wattläufer |
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| Leseprobe Sommer 1984 ... Heute gehörte der Strand den Möwen. Ihre heiseren Schreie waren die einzigen Hinweise auf lebende Wesen. Elegant schwebten sie über der Uferlinie, schossen hin und wieder pfeilschnell auf die Wasseroberfläche oder ließen sich am weißen Saum der Brandung nieder, um eilig hin und her zu tippeln. Einmal hatte sie das Gefühl, beobachtet oder verfolgt zu werden. Doch weit und breit war kein Mensch zu sehen ... Zögernd setzte sie ihren Weg fort. Plötzlich knackte es hinter ihr. Birte fuhr herum. Jenno. Ärger und Erleichterung hielten sich die Waage. Der Mann hatte sie zu Tode erschreckt. Wütend funkelte sie ihn an. Gleichzeitig war sie froh, dass ihr kein Unhold gegenüberstand. Sie öffnete den Mund, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie sein Anschleichen nicht witzig fand, doch die Worte blieben ihr im Halse stecken. Mit kaltem Blick und zusammengepressten Lippen trat er dicht an sie heran. In der rechten Hand blinkte ein Messer. Reflexartig schoss Birtes Knie nach oben. Der Junge riss Mund und Augen auf, das Messer stieß ins Leere. Mit aller Kraft rammte sie ihre Faust gegen den Kehlkopf des Angreifers. Die Wucht des Schlages ließ ihn rückwärts taumeln. Sein Fuß verhakte sich in einer Baumwurzel, und er stürzte auf den Waldboden. Auch Birte kam aus dem Gleichgewicht, fing sich aber rasch. Blitzschnell ergriff sie einen Ast, der am Wegrand lag. Schon war Jenno wieder auf den Beinen und stürzte auf sie zu, das Messer zielte auf ihren Hals. Birte wich aus und schwang den Knüppel gegen den Angreifer. Es krachte dumpf, als das Holz auf seinem Nackenwirbel zerbrach. Plötzlich lag Jenno reglos auf dem Boden. Zitternd, zwischen Bestürzung und Fluchtinstinkt hin- und hergerissen, starrte Birte auf den reglosen Körper. Ob er noch lebte? War er nur betäubt? Oder stellte er sich ohnmächtig, um sie erneut anzugreifen, wenn sie näher käme, um nachzusehen, ob er schwer verletzt wäre? Schließlich gewann der Drang zur Flucht die Oberhand. Sie rannte. Ohne Ziel. Nur weg von hier, war der einzige Gedanke, der sie beherrschte. Erst als ihre Lungen streikten, hielt sie inne. Heftig atmend und von Schwindelgefühlen begleitet, sah sie sich um. Sie rieb sich die Augen, um wieder klarer zu sehen. Ohne Erfolg. Was sie für Sehstörungen durch Schweiß und Tränen gehalten hatte, war Nebel, dichter, feuchter Nebel. In welche Richtung war sie gelaufen, wie lange war sie gelaufen? Sie wusste es nicht. Und sie wusste nicht, wo sie war. Angestrengt versuchten ihre Augen, die Nebelwand zu durchdringen. Vergebens. Nicht einmal der Stand der Sonne ließ sich erkennen. Langsam beruhigte sich ihr Atem. Langsam kehrte auch die innere Ruhe zurück. Wenn ich nichts sehe, kann auch mein Verfolger nichts sehen. Wenn er wieder zu sich gekommen ist. Und wenn er mir gefolgt ist. Allenfalls dem Geräusch ihrer Schritte hätte er folgen können. Aber dann musste sie auch seine Schritte hören. Sie lauschte. Ein leises Plätschern war alles, was an ihr Ohr drang. Es kam von unten. Sie sah an sich herunter. In dem Augenblick, in dem sie das Wasser sah, spürte sie Nässe und Kälte an ihren Füßen. Die Schuhe waren durchgeweicht. Sie war ins Watt gelaufen. Also befand sie sich nordwestlich oder westlich des Waldes. Wenn die Flut kam, wurde es im Watt gefährlich. Sollte sie entkommen sein, um im Meer zu ertrinken? Sie musste zurück. Aber welche Richtung sollte sie einschlagen? Unentschlossen sah sie sich um. Es gab keinen Anhaltspunkt. Dann hörte sie die Schritte ... |
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