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Krimi aus Bremen und Bremerhaven
Angelika Griese: Freiwildzone

Leseprobe
   
   Eine Tote am frühen Montagmorgen passte mir so gar nicht in den Kram. Ich hatte gerade mein Büro betreten, als mich der Anruf erreichte. Eine weibliche Leiche in den Wallanlagen. Und ich hatte noch nicht mal gefrühstückt. Es war gestern spät geworden. Aber ich bereute es nicht! Ich muss einfach dabei sein, wenn die Bremer jedes Jahr im Oktober unter dem Motto »Ischa Freimaak« für vierzehn Tage ihre hanseatische Kontenance verlieren. Dieser Ausruf entschuldigt jeden Blödsinn und jede Entgleisung. Zu dieser Zeit befindet sich die Stadt im Ausnahmezustand. Man setzt sich sogar zu wildfremden Menschen an den Tisch, eine Eigenschaft, die den Bremern sonst so ganz abgeht.
   Der obligatorische Freimarktbummel mit den Kollegen war für mich weit nach Mitternacht zu Ende gegangen. Ich hatte mich gerade noch rechtzeitig abseilen können, bevor der Ausflug zwangsläufig wieder in einem großen Besäufnis endete. Meine Kollegen waren trinkfest und machten zur Freimarktzeit gern einen drauf. Unter großem Protest hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.
   Innerlich fluchend hastete ich den Kiesweg entlang. Mir war kalt. Typisches Bremer Freimarktwetter. Der fiese Nieselregen ging durch und durch. Und natürlich weder Schirm noch festes Schuhwerk dabei. Nach dem Dauerregen der letzten Nacht würden wohl kaum brauchbare Spuren zu finden sein. Die neuen italienischen Schuhe konnte ich nach diesem Einsatz hundertprozentig in die Tonne schmeißen, und meine glatt geföhnten Haare würden unter dem Nieselregen schon bald zu einem ätzenden Afrolook mutieren. Schöne Aussichten.
   Schon von Weitem sah ich am Ufer des Stadtgrabens, hinter dem rot-weißen Plastikband, unseren vierschrötigen Rechtsmediziner Dr. Metzger im Gespräch mit dem Vorturner der Spurensicherung, der in einem weißen Overall mit Kapuze steckte. Metzger auf nüchternen Magen. Die Woche fing wirklich nicht vielversprechend an. 
   ...
   Mandy stocherte geistesabwesend in ihrem Essen herum. Die Gespräche an den Tischen gingen an ihr vorbei. Sie dachte an Anja und hatte wieder dieses ungute Gefühl, ihr könnte etwas zugestoßen sein. Das Gerücht, sie könnte wieder Platte machen, war totaler Quatsch. Am Abend vor ihrem Verschwinden, war Anja völlig aufgelöst bei ihr aufgetaucht und hatte ihr einen Umschlag gezeigt. »Den verstecken wir in deinem Keller. Du darfst keinem davon erzählen und ihn auf keinen Fall öffnen, hörst du«, hatte sie beschwörend auf sie eingeredet. »Meine Lebensversicherung. Wenn mir etwas passieren sollte, bring ihn zu den Bullen.« Anja war häufig theatralisch und übertrieb gern, darum hatte sie das nicht so ernst genommen. Natürlich hatte sie Wort gehalten, sie hatte nicht hineingeschaut. Bis heute wusste sie nicht, was Anja in diesem Umschlag so Geheimnisvolles aufbewahrte. Hoffentlich brauchte sie ihn niemals zu den Bullen bringen. 
   Sie erschrak, als Richy den leeren Stuhl neben ihr wegzog und sich rücklings daraufsetzte. Er legte den Arm um ihre Schulter und drückte fest zu.»Wenn dich jemand nach Anja fragt, hältst du die Schnauze, ist das klar? Kein Wort. Wir wissen alle nichts!«
   Sie sah ihn erstaunt an. »Wieso das denn? Aber ich weiß doch sowieso nichts. Du etwa?«
   »Einfach Maul halten, klar?«
   Mandy sah ihn hasserfüllt an. »Ich weiß, dass sich Anja vor ihrem Verschwinden noch mit euch getroffen hat. Was habt ihr mit ihr gemacht? Wo habt ihr sie hingebracht? Du weißt doch was!«
   Richy hielt sie weiter im Schwitzkasten. Die anderen am Tisch taten, als ginge sie das alles nichts an.»Fahr dir mal keinen Film. Du weißt, was passiert, wenn du dich nicht an die Spielregeln hältst! Das gilt auch für die andere Sache. Ein Wort und du bist fällig.«
   »Ja doch, ich sag nichts. Kannst dich auf mich verlassen.«
   Er ließ sie los, nahm ihre Gabel und ließ sich ihr Essen schmecken. »Bist ein braves Mädchen. Und nicht vergessen, der Onkel hat dich heute Abend gebucht. Du wirst abgeholt, klar?«

    ...
   

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