| Bücher - Neu - Anthologie - Krimis - Bildbände - Sagen Autoren Events Bestellungen Kontakt Impressum |
|
||
| Kriminalroman Birgit C. Wolgarten: Land der Mädchen |
|||
| Leseprobe Es ist spät geworden, viel später als ich gedacht habe. Erika und Maria sind müde, sie sagen zwar nichts, aber ich sehe es ihnen an. «Hast du ein Foto geschossen?», fragt Maria mich neugierig. «Ja! Wenn ich es schaffen sollte, werde ich den Film noch heute Nacht entwickeln, andernfalls morgen früh.» Auch ich bin erschöpft, der Abend war anstrengend. «Glaubst du, das Foto wird besser als die Bilder in deinem Schlafzimmer?», will Erika von mir wissen. Ich habe mir einen Wodka-Orange gemixt und drehe mich zu meinen besten Freundinnen herum. «Erika, im Schlafzimmer sind keine Fotos, sondern Montagen, Fotomontagen. Das hier», und ich zeige ihr meine teure Kamera, «wird ein echtes Foto. Und die Aufnahme wird besser als die Montagen sein.» Ich nehme mir das schwarze Notizbuch von der Fensterbank und schlage es auf. Was habe ich doch für eine schöne Schrift. «Ich bin so froh, dass du wieder da bist und alles gut geklappt hat, Friederike», unterbricht Maria meine Gedanken. «Aber wo ist das Kind jetzt? Ist es etwa hier?» «Es ist oben, Maria.» Geistesabwesend wende ich mich der kleinen Lektüre zu. Mein Herz jubelt, ich fühle mich glücklich und entspannt. Alles ist perfekt gelaufen. Und mein Buch ist fertig, endlich fertig! Ich kann kaum erwarten, es nun noch einmal zu lesen. Ich habe es schließlich nicht nur selbst verfasst, ich habe es ja erlebt. Es war gut, die Geschichte aufzuschreiben. Und es war auch nicht schwer, ich erinnere mich minutiös an jede Einzelheit und Kleinigkeit. «Liest du uns vor?» Erika liegt auf dem weichen, weißen Teppich und schaut mich bittend an. Maria sitzt zu meinen Füßen vor dem Sofa. Ich lächele und kuschle mich in die Sofaecke unter der Stehlampe. «Stimmt, ich habe es euch versprochen.» Meine Müdigkeit ist schlagartig verschwunden, ich vertiefe mich in das Buch, nichts um mich herum ist noch wichtig. 23. Juli 1956, 6:15 Uhr Ich erwachte an diesem warmen Sommermorgen noch vor dem ersten Vogelgesang und schwang die Beine aus meinem zu klein gewordenen Kinderbett, von dem meine Mutter die hölzernen Gitterstäbe entfernt hatte. Meine nackten Füßchen patschten auf den kalten Steinboden, als ich zum Fenster ging und die gelben Vorhänge aufzog. Hinter den Dächern auf der anderen Straßenseite hatte der Himmel eine violette Färbung angenommen, die allmählich in ein helles Blau überging. Jetzt hörte ich auch das erste Vögelchen an diesem wunderschönen Morgen. Vielleicht würde heute ein ganz besonderer Tag für mich werden. Mama hatte mir gestern Abend ein Stück Papier in die Hand gedrückt und gesagt: «Gleich morgen früh, wenn du wach wirst, gehst du in die Küche und reißt ein Kalenderblatt ab, und wenn dann auf dem Kalender dieselben Zahlen stehen wie hier auf dem Papier, dann hast du Geburtstag und bist dann Mamas großes Mädchen!» Hastig lief ich zu der Kommode, die meine Mutter am Ende des Krieges aus einem Lazarett gestohlen hatte. Da lag der Zettel. Vorsichtig, als hätte ich eine Karte zu einem Schatz gefunden, faltete ich das Blatt Papier auseinander: «Friederike, 23.7.1956», stand darauf. Jetzt brauchte ich nur noch in der Küche diese Zahlen mit denen auf dem neuen Kalenderblatt zu vergleichen. Allerdings musste ich leise sein. Denn in der Küche war auch der Schlafplatz meiner Mutter. Ich setzte mich auf mein Bett, hielt den Zettel ganz fest in meinen kleinen Fingern. Zu meinem Geburtstag hatte mir Mama eine Überraschung versprochen. Vielleicht durfte ich endlich einmal hinaus auf den Spielplatz und mit anderen Kindern spielen? Oder ich kam in die Schule, so wie Tante Lizzy mir erzählt hatte, schließlich würde ich ja heute schon sieben Jahre alt und wäre dann Mamas großes Mädchen. Oder vielleicht bekam ich den großen roten Lastwagen, den ich in einem Schaufenster gesehen hatte, oder heute Abend – und bei dem Gedanken fing mein kleines Herzchen kräftig an zu klopfen – würde keiner von den bösen Männern kommen und mit Mama hinter den Vorhang gehen, wo Mama immer schlief. Ich, Friederike, Mamas liebes Mädchen, musste dann immer mit einer Kerze in der Hand in der ansonsten finsteren Küche am Küchentisch sitzen und warten, bis Mama und der Mann wieder herauskamen. Das sei eine ganz wichtige Aufgabe für mich, hatte Mama gesagt, und wenn Mama laut nach mir rufen würde, müsse ich die Treppe herunterlaufen und eine Etage tiefer bei Lizzy klingeln, die wüsste dann, was zu tun wäre. Erst letzte Woche waren ganz viele Männer gekommen und ich war am Küchentisch eingeschlafen. Daraufhin war Mama sehr böse geworden und hatte mich mit dem Riemen ihrer Handtasche geschlagen. Noch lange Zeit später spürte ich die Schmerzen an meinem Rücken. Ich hob meine Hände in die Luft und faltete sie: «Bitte, bitte, lieber Gott! Lass heute Abend keinen Mann bei Mama sein, und lass mich draußen mit den anderen Kindern spielen. Immer bin ich hier so alleine und niemand spielt mit mir.» Tränen liefen über meine Wangen. Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Augen, stand auf und zog mein kurzes baumwollenes Nachthemdchen glatt. Mit dem Zettel in der Hand öffnete ich die weißlackierte Holztür, die von meinem winzigen Zimmer direkt in die Küche führte. Hinter dem dunklem Vorhang hörte ich die leisen Schnarchtöne meiner Mutter. Ich schaute nach unten auf meine Füße, die mittlerweile schon etwas größer waren als eine der vielen kleinen schwarzen und weißen Fußbodenkacheln in der Küche. Mit einem Mal musste ich nötig, aber die Toilette lag im dunklen Hausflur am Ende eine Ganges. Eine einzige, winzige Toilette für alle Bewohner des Hauses. Ich hasste diesen stets unsauberen, fleckigen Ort. Meine Mutter hatte, damit wir Nachts nicht aus der Wohnung mussten, zwei graue Blecheimer mit Deckeln in die Küche gestellt, einer davon war mein Eimer. Aber welcher? Vorsichtig öffnete ich den ersten Deckel und verschloss ihn sofort wieder. An dem Geruch hatte ich sofort erkannt, dass meine Mutter, als gestern Abend der letzte Mann fort gegangen war und ich endlich ins Bett durfte, wieder zu viel von dem Bier getrunken hatte, das so schäumte, wenn man es in der Flasche schüttelte. Das hieß auch, wenn meine Mutter irgendwann wach würde, wäre sie wieder schrecklich schlecht gelaunt und würde Kopfschmerzen haben. Ob sie dann wohl auch meinen Geburtstag vergessen würde? Ich öffnete den Deckel des zweiten Eimers, und der alte beißende Geruch ließ mich zurückfahren. «Mama hat gestern wieder einmal vergessen, meinen Eimer zu leeren», dachte ich, als ich mich, die Nase zuhaltend, voller Ekel vorsichtig auf dem Eimer niederließ. In letzter Zeit hatte ich morgens früh immer öfter Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Als ich Mama einmal darauf angesprochen habe, hat sie nur abgewinkt und mir gesagt, das läge an der Krankheit, die ich habe. Dann fiel mir der kleine Zettel wieder ein, den ich immer noch krampfhaft in meiner Hand hielt. Ich strich mir eine Strähne meiner langen blonden Haare aus dem Gesicht. Den auseinander gefalteten Zettel legte ich auf das alte Küchenbüfett. Während ich mir an der Spüle mit kaltem Wasser die Hände wusch, schaute ich auf den kleinen Tageskalender an der vom Nikotin gelb gewordenen Küchenwand: Ich stellte einen alten wackeligen Küchenschemel an die Wand, direkt unter den Kalender. Noch einmal besah ich mir die Zahlen auf dem Zettel. Dann stieg ich vorsichtig auf den Schemel, riss mit einem Ruck an dem obersten kleinen Blatt des Kalenders. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich auf die jetzt freiliegenden Zahlen: 23.7.1956. Ich hatte Geburtstag! Ich bin müde, meine Augen sind bleischwer geworden, das Lesen strengt mich an. Das war auch mal anders, schießt es mir durch den Kopf. Aber ich muss noch etwas erledigen. Heute Nacht werde ich kaum schlafen, höchstens ein oder zwei Stunden. Ich sehe mich im Wohnzimmer um und bemerke jetzt erst, dass ich alleine bin. Erika und Maria haben sich schlafen gelegt. Das kleine Buch lege ich auf den Tisch und lösche das Licht. Langsam gehe ich in der Dunkelheit die schmale Holztreppe hinauf. Licht brauche ich keines, hier kenne ich mich aus, jeder Winkel meines Hauses ist mir vertraut. Ich öffne eine der drei Türen im oberen Stockwerk und schaue in den Schlafraum. Da liegen sie, meine Freundinnen Erika und Maria. Im Schlaf und durch den silbernen Vollmond, der durch das Fenster scheint, wirken ihre Gesichter wie bleiche, tote Masken. An der zweiten Tür bleibe ich stehen. Es ist mein Schlafzimmer. Mein Herz klopft wie rasend. Hier, hinter dieser Tür liegt das Kind. Leise öffne ich die Tür zu dem Schlafraum, der ganz in Nachtblau gehalten ist. Erika hat einmal gesagt, die Farbe wirke so unterkühlt, das finde ich überhaupt nicht. Ich bleibe an der Tür stehen und spüre, wie mein Herz sich erwärmt. In meinem breiten französischen Doppelbett liegt, in Satinbettwäsche eingehüllt, das Kind. «Nun bist du ein süßer kleiner Engel, nicht wahr? Ich habe dich gerettet.» Ich schlage die Bettdecke zurück und ziehe das blaue Samtkleidchen glatt. Dann streiche ich über das lange blonde Haar. «Nie wieder wirst du etwas Böses tun», geht es mir durch den Kopf, während ich mich umziehe, «das Land der Mädchen ist dir sicher.» Aus meinem Schlafzimmerschrank wähle ich einen weißen Hosenanzug. Darüber trage ich wieder meinen weißen Wollmantel mit den passenden weißen Handschuhen und dem breitkrempigen Hut. Ich schaue auf die leuchtende Anzeige der kleinen Digitaluhr auf der Ablage neben meinem Bett. 03:02 Uhr. Hoffentlich schaffe ich das Pensum überhaupt noch, das ich mir vorgenommen habe. Vorsichtig trete ich an das Bett und hebe das Kind hoch. «Kleiner Engel, deine Augen sind geschlossen, das ist gut so.» Ich betrachte das Kind in meinen Armen. «Du bist ein so wunderschönes Mädchen», murmele ich, während meine Finger zart über das Gesicht streicheln, «so wunderschön!» |
|||