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| Kassel
Krimi Andreas Herrler: Tödliche Nachrichten |
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| Leseprobe „Ich bin Stefan Uhland, guten Morgen“, starte ich meine Nachrichten wie üblich. „Winterchaos auf Deutschlands Straßen: Dabei gab es am Morgen zahlreiche Unfälle. Verletzt wurde bisher niemand, der Sachschaden geht jedoch bundesweit in die Millionen.“ Und so weiter und so weiter. Wie gesagt: Die Krachermeldung fehlt. Noch! Ich weiß, dass ich schon in einer halben Stunde von einem Mord berichten werde. (...) Claudi ist an diesem Morgen für die Lokalredaktion eingeteilt und gehört mit ihren 52 Jahren schon zum Inventar des Senders. Sie kennt noch die Anfangszeiten des Senders, mit einer Handvoll Mitarbeitern und Jubel über jede einzelne Werbezeit-Buchung. Claudi hat jahrelang in der Kulturredaktion gearbeitet und reihenweise Buchbesprechungen fabriziert, bis durch Zufall rauskam, dass sie dutzendweise die von den Verlagen zur Verfügung gestellten Bücher an Kollegen verkauft hatte, um sich ihr Redakteursgehalt deutlich aufzubessern. Man hat über diese Sache Stillschweigen vereinbart und Claudi in die Lokalredaktion versetzt. Polizeimeldungen lassen sich im Kollegenkreis nun mal schwerer verkaufen als Bücher. Besonders clever hat sie die Sache nicht angestellt, was nicht verwunderlich ist, da Claudis IQ kaum über die Höchsttemperaturen eines Sommers in Kassel-Rothenditmold hinausgehen dürfte. Über die Sache in der Kulturredaktion ist die einst braunhaarige Claudi ergraut und färbt sich ihr Haar nun kastanienrot, was sie aber auch nicht jünger aussehen lässt. Aber sie liebt mich, und ich kann es ihr nicht verübeln. „Wir haben einen Mord“, ruft Claudi jetzt aufgeregt hinter mir durch die offene Glastür rüber, „ich krieg gleich ‘nen O-Ton aus der Einsatzzentrale. Ziemlich blutig, 32-jähriger Mann auf dem Weg von seinem Auto zu seiner Wohnung, Heckerstraße, Nähe Karlsaue.“ Ich tue überrascht. „Weiß man schon Genaueres?“, frage ich. „Motiv, Täter, irgendwas?“ „Nein, bisher nix. Nur die Tatzeit: Gestern Abend gegen 21.30 Uhr. Der Mann ist Krankenpfleger, 32 Jahre alt ...“ „Das Alter hast du schon gesagt“, unterbreche ich sie, stehe auf, drehe mich um und gehe rüber an ihren Schreibtisch. „Der Beruf war neu. Dann kann ich den Mord aus Gütersloh ja gleich doppelt vergessen.“ Claudi sieht mich verständnislos an. „Welchen Mord?“ Sie hat noch keine Agenturen gelesen. War mir klar. „Vermieterin bringt Untermieter um, sie Ende 60 und Ex-Krankenschwester. Zweimal Mord, einmal mit Krankenschwester, einmal mit Krankenpfleger – vergiss es. Also nehmen wir den Mord aus der ... wie hieß die Straße noch mal?“ Ich bin stolz auf meine gespielte Unwissenheit. Es ist ja nicht nur wichtig, draußen in der Stadt keinen Verdacht zu erregen, nein, das fängt schon im Kollegenkreis an. „In der Heckerstraße“, antwortet Claudi. „Sieht nach dem Messermann aus. Der Kerl ist erstochen worden, von vorne, fünf Stiche. Mehr weiß ich noch nicht, aber ich krieg den Suhlke aus der EZ gleich ans Telefon.“ Die Pressestelle der Polizei ist erst ab 9.00 Uhr besetzt, so lange muss die Einsatzzentrale herhalten. „Bekomm ich den ersten O-Ton schon für halb sechs?“ Claudi soll sich mal schön mit dem Polizisten unterhalten und ein paar interessante Aussagen aus ihm rausquetschen, die ich dann als O-Ton in die Nachrichten einbauen kann. „Ja, das wird klappen“, sagt sie jetzt. Ich wusste doch, der Mord wird kommen. Sonst hätte ich mich gestern Abend wohl kaum in der Heckerstraße rumtreiben müssen. ... |
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