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Der Langeoog Krimi
Antje Friedrichs: Letzte Lesung Langeoog
Leseprobe

Samstag 

An diesem Morgen schien die Sonne. Ein wolkenloser Himmel wölbte sich über der Insel, die in den letzten Tagen nicht gerade von Sonne verwöhnt worden war.
Die erste am Strand war eine 61jährige Frau aus Bottrop. Sie kam seit über dreißig Jahren hierher und war schon längst im Besitz des goldenen Treueabzeichens der Kurverwaltung. Erika Stracke schritt rüstig die Bohlen zum Strand hinunter. Flut! Unter ihrem dunkelblauen Bademantel trug sie bereits ihren dunkelblauen Badeanzug. So hielt sie es schon seit über dreißig Jahren. Sie musste sich nicht erst am Strand umziehen, sondern konnte gleich hinunterlaufen ans Meer, das jetzt in der Morgenfrühe einsam an den Strand rollte. Es war so früh, dass die ABM-Kolonne der Kurverwaltung, die den Meeressaum von Strandgut säuberte, noch nicht da gewesen war. Erika Stracke war ganz allein. Das Wasser war wunderbar klar und wärmer als die Luft. 18 Grad, schätzte sie als erfahrener Badegast. So früh am Morgen war der Turm der Rettungsschwimmer noch nicht besetzt, offizielle Badezeit würde erst am späten Nachmittag sein. Am Horizont war die dunkle Silhouette eines einsamen Wanderers zu erkennen. Noch einer, der die Frühe liebte, wenn er sich auch nicht ins Wasser wagte. Keine Qualle im Wasser, für Quallen war die Witterung zu kühl. Erika Stracke ließ sich von den Wellen tragen. Tauchte unter, Gischt sprühte über ihren Kopf hinweg. 
Allein sein, ganz allein, das war es, wonach sie sich sehnte, einen größeren Genuss gab es für sie nicht. Eine Riesenwelle türmte sich vor ihr auf, sie drehte sich um und ließ die Woge mit voller Wucht über sich hinwegrauschen, das Wasser schlug über ihr zusammen und zog ihr den Boden unter den Füßen weg, der Sog riss sie weiter und weiter. "Baden Sie nie außerhalb der Badezeiten und nicht außerhalb des abgeteilten Badestrandes", ging ihr durch den Kopf. Überall auf der Insel war das zu lesen. Aber daran hatte sie sich dreißig Jahre lang nicht gehalten, und noch nie war ihr etwas passiert. Jetzt hatte sie Wasser geschluckt, sie hustete, keuchte. Als sie aus dem Wasser watete, sah sie das blaue quallige Riesenauge zu spät und trat mitten hinein. Blauer Glibber, der sie eigentlich noch nie geekelt hatte. Aber etwas war anders an diesem Morgen, anders als sonst in all den Jahren zuvor. 
Etwas Unheimliches lag in der Luft. Sie schauderte, fühlte sich beobachtet, blickte sich um. Die blaue Rettungsstation war natürlich leer, keine Fahne war aufgezogen, nicht morgens um 6 Uhr. Da war niemand. Oder doch? Regte sich nicht etwas hinter den blauen Wänden des Turms? War da nicht hinter der Fensterscheibe ein Licht? Als ob ein Feuerzeug aufflammte, kurz nur, ganz kurz. Hinter ihr rauschte die See. Lauter als sonst, unnatürlich laut. Die Sonne, noch tief im Osten, hatte sich jetzt hinter einer Wolke verborgen. Wo kam die Wolke her? So plötzlich? Eben war der Himmel doch noch ganz klar gewesen, ungetrübt blau. Der unbekannte Wanderer am Horizont, dort, wo der Strand in Nebel überging und die anderen Inseln, Spiekeroog und Wangerooge, lagen, war verschwunden. 
Erika Stracke warf sich ihren Bademantel über, der sich klamm anfühlte, und hastete nach oben zur Düne. Nur schnell zurück in die Pension! Etwas war anders als sonst, sie konnte es spüren! Aber vorher schnell noch wie immer unter die Dusche, die am Dünenaufgang installiert war. Süßwasser natürlich, wofür zahlte man denn Kurtaxe. Bei aller Liebe zu Langeoog und zur See, Salz auf ihrer Haut konnte Erika Stracke nicht ertragen. Es verursachte ihr Juckreiz, gegen das Salz war sie allergisch, auch noch nach dreißig Jahren. Sie warf den Bademantel ab, trat ohne hinzusehen auf die Bohlen unter der Dusche, griff nach dem Hahn, um das Wasser aufzudrehen - und schrie. Schrie. Schrie. Stand wie angewurzelt, konnte sich nicht rühren, und schrie. Der Wasserhahn war blutverschmiert, Erika Stracke stand im Blut. Schreiend rot klebte es an den Holzbohlen, bedeckte den Sand, der feucht war, als wäre hier gerade eben, unmittelbar bevor sie ihren Fuß darauf gesetzt hatte, Blut geflossen und eingesickert. 
Sie schrie. Nichts regte sich um sie herum, es blieb totenstill. Der große Zeiger auf der Uhr des Rettungsturms zeigte auf die 5, der kleine Zeiger war gerade ein winziges Stück über die 6 hinausgerückt. Ungerührt rollten die Wellen weiter an den Strand. Um ein winziges Stück war die Flut näher gekommen. 
Endlich hastete die Frau den Dünenaufgang hoch und schlug mit den Fäusten gegen die Tür des "Seekrugs"...
   

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