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| Münsterland
Krimi Herbert Beckmann: Leas Plan |
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| Leseprobe Es ist kurz vor elf, der Berliner Platz ist gefüllt mit lackiertem Mittelklasseblech, das in allen Farben metallisch in der heißen Julisonne glänzt. Ich schließe das Fenster. Gleich kommt Lea. Aber Lea kommt nicht. Lea war meine erste Patientin auf deutscher Seite. War bloß ein Versuch anfangs. »Hier hängen die Kollegen schon aufeinander wie in der Legebatterie, Rike«, erklärte mir Henk, unser Verbandsvorsitzender in Enschede. »Versuch’s doch mal bei den Deutschen drüben. Ich liebe Henk, Grenzen kennt er nicht Einen Versuch war es wert ... Gott, hatte ich Angst an dem Tag, als ich Lea das erste Mal zu Gesicht bekam. Diese schlanke, hohe Gestalt schien keine wirkliche Jugendliche zu sein. Das porzellanweiße, ovale Gesicht, das schulterlange, glatte, kastanienbraune Haar, die funkelnden seegrünen, leicht schielenden Augen, dichte nachtschwarze Brauen, die sich in weiten Bögen bis zur Schläfe spannten – war diese Elfe nun Wirklichkeit oder Einbildung? Ich hielt mich an die Fakten, und die hießen: Sie ist siebzehn und sie spricht kein Wort, gilt als autistisch – »im weitesten Sinne« – und extrem wechselhaft in ihren Stimmungen. Lea betrachtete mich: interessiert, sachlich. Nicht unfreundlich, aber cool. Es war nicht so, dass ich sie auf Anhieb gemocht hätte. Ich betrachtete sie ebenfalls: betont freundlich und ziemlich ratlos. »Was sollen wir jetzt miteinander anfangen, Lea? Was meinst du?« Sie sah mich ungerührt an, es war, als hätte sie meine Frage nicht gehört. Ich senkte den Blick, betrachtete scheinbar intensiv meine Hände und wartete ab, was geschehen würde. Die Minuten verstrichen quälend langsam, ich wurde immer nervöser, da stand sie plötzlich auf, ging zum Regal und nahm einen DIN A3-Block Zeichenpapier heraus. Sie legte ihn behutsam auf den Boden, griff in die kleine Kiste mit Stiften im selben Fach, fischte sich einen weichen Bleistift heraus und warf sich bäuchlings vor den Block. Dann begann sie zu zeichnen. Mit rasend schnellen Strichen, einer Hast, als ginge es um ihr Leben. Sie zeichnete ihr Bild. Das sie von nun an jedes Mal zeichnen sollte, wenn sie zu mir kam: Berlin. Genauer einen Stadtplanausschnitt von Berlin, mit allen Straßen und U-Bahnhöfen und Parks. Und mit der Mauer. Straße des 17. Juni, Entlastungsstraße, Bellevuestraße et cetera im Westen. Unter den Linden, Französische Straße, Wilhelm-Pieck-Straße und so weiter im Ostteil der Stadt. Es war die exakte Kopie eines Stadtplans aus der Vorwendezeit, im korrekten Maßstab. Sie hatte links oben auf dem Blatt begonnen, doch das war unerheblich, wie ich später merkte. Wenn sie mit dem Plan fertig war, nach ein paar Sitzungen, begann sie von Neuem, an irgendeiner anderen Stelle. Sie zeichnete auch im selben Bild nicht von einer Stelle ausgehend immer weiter, sondern unterbrach sich mitunter, versank in Stille, blickte mich gelegentlich an, und machte schließlich an irgendeiner anderen Stelle weiter, mit einer Sicherheit und Maßstabtreue, als zeichne sie nur Linien nach, die längst auf dem Papier standen. Das taten sie aber nicht. Und trotzdem passte alles zusammen, wuchsen die Stadtteile aufeinander zu und bildeten eine zusammengehörige Karte von Berlins ehemals zerrissener Mitte, die heute längst wieder zusammengeklebt ist. Nach drei Therapiestunden war sie gewöhnlich fertig. Sie legte das Blatt auf meinen Schreibtisch, sah mich auf eine rätselhafte, geradezu auffordernde Weise an und versah dann das Bild am oberen Rand mit einer Jahreszahl: 1985, auffallend schmal und preußisch-zackig geschrieben, die Kopie einer fremden Handschrift auf dem Originalstadtplan, das schien mir klar. Daneben setzte sie eine Signatur, ein seltsames Zeichen, das nach der gleichen fremden zackigen Handschrift aussah, aber keinen unmittelbaren Sinn ergab. Es sah aus wie ein vereinfachtes chinesisches Schriftzeichen. Oder wie die Nachahmung einer keltischen Rune. – Ein Symbol für irgendetwas? Ich kannte Lea noch zu wenig, um das zu beurteilen. In der nächsten Stunde begann sie von vorn. Das gleiche Bild. Der Stadtplan von Berlin, 1985, signiert mit diesem seltsamen Zeichen. Wenn die Sozialpädagogin, Heike Gabert, schließlich kam, um sie abzuholen, stand Lea ohne Worte auf, sah mich nicht einmal mehr an und ließ sich abführen wie eine Gefangene. Der Geschäftsführer, gab mir Heike Gabert nach der ersten Stunde am Telefon zu verstehen, betrachtete Leas Stunde bei mir als bloßes Experiment. Das jederzeit abgebrochen werden könne, falls der Erfolg ausbliebe. Lea war jedoch in der Zeit nach der Therapiestunde »ruhig geblieben«, hatte niemanden geschlagen, auch nicht sich selbst. Und in der Küche, wo sie beim Kartoffelnschälen und Gemüseputzen half, hatte sie niemanden mit dem Schälmesser bedroht. Lea kommt nun also regelmäßig. Und zeichnet in den Stunden unverdrossen an ihren Stadtplänen. Ich betrachte die Bilder als Geschenke für mich und zähle bis heute siebzehn Stadtpläne von Berlins Mitte, 1985, aus Leas Hand. Früher, sagt die Gabert, habe Lea viel gezeichnet, wenngleich keine Stadtpläne. Aber vor zwei Jahren etwa, hat sie es plötzlich aufgegeben. Bei mir zeichnet sie wieder. Ich bin stolz darauf. Nur die Botschaft darin habe ich noch nicht verstanden. Ich bin sicher, sie will mir damit etwas sagen. Aber was? I |
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