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Insel Krimi
Antje Friedrichs: Letztes Bad auf Norderney
Leseprobe

Prolog

Kurz vor Sonnenuntergang. Noch schwebte der glutrote Ball über dem Horizont, gleich würde er ins Meer tauchen. Sanddornsträucher und Heckenrosen warfen lange Schatten. Langsam zog die Dunkelheit herauf. Die Dünen leuchteten nicht mehr. Eine Möwe stieg schreiend in den Himmel, Kaninchen huschten zur Seite. Drei Jungen und ein Mädchen stapften durch den Sand, bahnten sich einen Weg durch Gesträuch, das an ihren nackten Beinen kratzte.
Sie stiegen in eine Senke hinunter. Der Große mit dem Piratentuch um den Kopf holte eine Schaufel unter dem Gebüsch hervor und drückte sie einem anderen wortlos in die Hand. Der fing an zu graben. Das Mädchen setzte sich ins Dünengras, zündete sich eine Zigarette an und warf das Streichholz achtlos weg. Nach ein paar Zügen hielt es dem Großen die Zigarette hin.
Er inhalierte tief. "Wahnsinn. Das hab' ich gebraucht. So, und jetzt noch..."
"Ruhe mal! Was ist denn da los?"
Sie duckten sich und horchten.
Da waren welche, ganz in ihrer Nähe. Ein Pärchen. Aber von Liebe war nicht die Rede, im Gegenteil, die stritten sich, dass die Fetzen flogen!
"Das wird dir noch Leid tun!", schrillte die Stimme einer jungen Frau.
"Nun hör doch mal zu, Silvia", versuchte der Mann sie zu beruhigen. "Das hast du total in die falsche Kehle gekriegt ..."
"Das läuft mit mir nicht. Mit mir nicht, kapiert?"
"Mensch, Silvia, irgendwo muss doch mal Schluss sein! Aber du kannst den Hals nicht voll kriegen, was?" Der Mann hatte Stress, das war unüberhörbar. Seine Stimme klang jetzt aggressiv und böse.
"Du hältst dich wohl für Superman persönlich!", schrie sie ihn an. "Bild' dir bloß nichts ein. Das ist doch alles Fassade. Wenn ich das vorher gewusst hätte!"
"Nun rück'schon raus damit", zischte der Mann. "Was willst du noch von mir?"
"Entweder machst du Schluss oder ..." 
"Oder?"
"Oder du bist erledigt. Du weißt, was ich meine."
"Blödsinn. Was denn?"
"Ein Wort von mir an die Behörden, und du bist weg vom Fenster."
"Die Behörden? Jetzt drehst du total durch. Das bringst du doch nicht."
"Wetten, dass?"
Plötzlich war es still. Beängstigend still.
Dann schrie die Frau: "Lass mich los! Du sollst loslassen, du Scheißkerl!"
Vorsichtig robbten die vier hinter einen Rosenbusch. Jetzt konnten sie die beiden sehen. Der Mann hatte die Frau an den Armen gepackt und schüttelte sie. Er schien außer sich vor Wut. Der tickte aus!
Sie sprangen auf.
Aber da hatte die Frau sich schon losgerissen und lief weg, tiefer in die Dünen hinein.
Der Mann vergrub die Hände in den Taschen seiner Jeans und stand regungslos da. Endlich drehte er sich um und ging in die entgegengesetzte Richtung davon, zum Strand hinunter.
"Mein lieber Mann", sagte der Pirat. "Aber egal, weitermachen! Es wird Zeit!"
Die Sonne war verschwunden. Von Osten her breitete sich schwere Dunkelheit über der Insel aus. Die weißen Finger des Leuchtturms tasteten unablässig den Himmel ab.



Aus der Haut gefahren 

Tjaden stand an Deck. Die Frisia VIII pflügte durchs Wattenmeer. Der Kapitän hatte den Passagieren eine angenehme Überfahrt gewünscht, im Kielwasser glänzte die Gischt. Die Möwen, die das Schiff begleiteten, schrien heiser.
Ein Mädchen warf ihnen Brocken seines Käsebrötchens zu. "Nich füttern!", rief eine Frau im knallroten Anorak. Die großen Vögel schienen in der Luft still zu stehen. Durch leichte Korrekturen ihres Flugs gelang es ihnen jedes Mal, mit ihren gelben Schnäbeln das Futter zu schnappen.
"Voll geil!", juchzte das Mädchen.
"Nun lass das doch sein!", schimpfte die Mutter. "Oder willste, dass dir die Biester auf den Kopf scheißen?"
Plötzlich kreischte das Mädchen los. Eine Möwe war auf seine Hand herabgestoßen und hatte ihm frech den ganzen Brötchenrest weggerissen. "Mein schönes Brötchen!"
"Sei froh, dass dich das Vieh nich gebissen hat", sagte die Mutter zufrieden und rückte ihr Stirnband zurecht.
"Bitte nicht die Möwen füttern, die haben eine besondere Art, sich zu bedanken!", tönte eine tiefe Stimme aus dem Bordlautsprecher. Das kam wohl direkt von der Brücke. Fast im gleichen Augenblick schrie das Mädchen schon wieder los. "Mein Top, mein bestes Top, so'ne Sauerei! Iii, so'n Scheißvieh!"
Über sein schwarzes knappes Oberteil - "Ganz schön scharf", dachte Tjaden, "wenn auch etwas unpassend für die Reise übers Meer." - zog sich eine eindeutige weiße Spur.
"Siehste, Denise", sagte die Mutter befriedigt, "was hab' ich dir gesagt!" So musste Kassandra sich gefühlt haben, als Troja endlich in Flammen aufging. "Aber nun bleib' doch mal sitzen, wir sind ja auch bald da."
Das Mädchen Denise starrte Tjaden an. Er hatte sich in die Sonne gesetzt, sein Schweizer Taschenmesser mit den achtzehn verschiedenen Werkzeugen - ein Weihnachtsgeschenk seiner Frau Maria - aufgeklappt und schälte sich einen Apfel.
"Was hat der denn an den Händen?", flüsterte Denise so laut ihrer Mutter zu, dass diese ebenso laut zurückzischte: "Nun kuck da nich so hin, das gehört sich nich!"
Sie wich Tjadens Blick aus.
Dafür lächelte die Frau, die Tjaden schräg gegenüber saß, ihn an. Sie hatte sehr blaue Augen und ihre Haut sah rosig und weich aus. Der sie umhüllende Poncho war so blau, als hätte Nolde ihn gemalt. In ihre gepflegte Frisur - kurzgelockt und getönt - griff der Seewind. Und sie war dick, ziemlich dick sogar, aber auf eine sympathische Art, so weich und einladend, darin zu versinken wie in einem hoch aufgetürmten Federbett.
Wie alt mochte die Frau sein? Die Vierzig hatte sie wohl längst überschritten. An den Händen trug sie zwei, nein, drei Brillantringe, dezent zwar, aber doch gut sichtbar. Die Ringe hatten sich in das rosige Fleisch der Finger eingegraben. Ihre Haut war makellos. Richtig proper wirkte die Dame, die sich da, ins Noldeblau gewickelt, dem Wind entgegenstemmte. Ihr Poncho sah exquisit aus, wie geschaffen für den Kuraufenthalt nicht auf irgendeiner Insel, sondern auf Norderney.
Onno Tjaden war auf Langeoog aufgewachsen. Inzwischen wohnte er auf dem Festland, in Wittmund. Langeoog blieb seine Heimatinsel, aber Norderney war "unterhaltlicher", wie schon Theodor Fontane bemerkt hatte. Die königlichen und kaiserlichen Herrschaften, die zur Erholung auf Norderney weilten, wussten schon, was sie wollten. Es war nicht allein die Strandpromenade, es gab auch einen Kurpark mit Kurkonzerten, ein königliches Residenztheater und sogar ein Spielcasino.
     

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