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Leseprobe
Freitag, 20. September 1963
Kommissar Heinz Döbert wird „verurteilt“
Gold – alles in Gold. Der Gerichtssaal, die Eingangstür und sogar der Bundes-Adler an der Wand hinter dem Richtertisch. Der Richter thronte auf dem goldenen Richtersessel und blätterte in den Akten. Von Zeit zu Zeit zog er skeptisch die Augenbrauen hoch und musterte Heinz Döbert, der vor dem Richtertisch auf einem Holzstuhl saß, von oben bis unten.
„Ich muss mich doch sehr wundern, Herr Kommissar. Wie ich den Akten entnehme, haben Sie Ihrem Vorgesetzten, Oberkommissar Schirmer, das Nasenbein zertrümmert.“
„Es war ein Nasenstüber, Herr Richter. Ganz harmlos.“
„Ah ja, harmloser Nasenstüber. Mit der rechten Faust ...“
„Mit der linken. Nur leicht berührt.“
„Hier steht aber: ‚Trümmerbruch des Nasenbeins’.“
„Ehrlich. Kann ich mir nicht vorstellen.“
„Zur Sache: Sie hatten Streit. Worüber haben Sie sich denn gestritten?“
„Über Fußball.“
„Über Fußball? Das müssen Sie erklären.“
„Schirmer, entschuldigen Sie, Herr Richter, ist Eintracht-Anhänger. Also Eintracht Frankfurt. Und mein Herz schlägt für Kickers Offenbach. Obwohl ich aus Fulda komme.“
„Ich sehe das Problem noch nicht.“
„Schirmer vertritt die Meinung, dass die Kickers zu Recht nicht in der Bundesliga spielen dürften. Jeden Tag musste ich mir das anhören.“
„Kein Grund, seinem Vorgesetzten das Nasenbein zu zertrümmern.“
„Nur so nebenbei, Herr Richter: Am 24. August war Bundesligastart. Ohne die Kickers, die, rein sportlich gesehen, qualifiziert waren. Aber der Deutsche Fußballbund hatte anders
entschieden. Ein Skandal! Eine Schweinerei! Eine bodenlose Frechheit! Das haben wir nicht verdient!“
„Gut, gut. Kommen Sie endlich zur Sache, Herr Döbert!“
„Vor ein paar Tagen stolzierte Schirmer in mein Büro, lachte hämisch und beschimpfte die Kickers als kleine Würstchen. Meine Kickers! Und Hermann Nuber, sagte er, sei das allergrößte der kleinen Würstchen. Wohl in Anspielung darauf, dass Nuber und sein Vater eine Metzgerei ...“
„Da haben wir es! Ist Nuber nicht Metzger?“
„Ja. Er ist Metzger. Aber er ist kein Würstchen. Und Gast, Sattler, Erber, Kaufhold, Held sind auch keine Würstchen. Das sind richtige Fußballer. Offenbacher. Mit Herz, mit Leib und mit Seele. Kämpfer und Techniker. Bodenständig und charakterstark. Gerade Nuber!“
„Mag ja alles zutreffen. Aber fest steht auch: Wegen Ihrer Leidenschaft sind Sie fast zum Mörder geworden!“
„Fast zum Mörder geworden? Keiner Fliege tue ich etwas zu Leide!“
„Kurz gesagt, Herr Döbert: Ein Nasenbeinzertrümmerer und Nasenbeinmörder sind Sie! Und das ist das Schlimmste, was man sich denken kann.“
„Neiin, Herr Richter, bitte hören Sie auf!“
Wie ein kranker Wurm wand sich Heinz Döbert auf dem Holzstuhl. Er krümmte sich und hatte Schmerzen. Der Richter sah ihn streng an. Sehr streng. Dann klopfte er mit einem kleinen Hammer auf den Richtertisch. Peng! Peng! Peng!
„Im Namen des Gesetzes und auch des hessischen Volkes ergeht folgendes Urteil:
Der Angeklagte, Kommissar Heinz Döbert, wird für schuldig befunden, seinem Vorgesetzten, Oberkommissar Rainer Schirmer, Gewalt angetan zu haben, indem er ihm in voller Absicht das Nasenbein brach.
Er wird verurteilt, bei sämtlichen Heimspielen des Bundesligisten Eintracht Frankfurt in der Saison 1963/1964 im Frankfurter Stadion anwesend zu sein. Selbstverständlich mit Eintracht-Fahne und mit Eintracht-Schal. Ohne Murren wird Herr Heinz Döbert die Frankfurter Mannschaft lautstark und voller Begeisterung mit dem Ruf ‚Eintracht, Eintracht, nur du allein’ anfeuern.
Fast hätte ich vergessen: Für die nächsten 10 Jahre erhält Herr Döbert für die Spiele der Offenbacher Kickers auf dem Bieberer Berg Stadionverbot.“
Peng! Peng! Peng! Der Richter hatte gesprochen.
„Niemals verrate ich meine Kickers! Ich werde das Urteil anfechten!“, schrie Döbert aus Leibeskräften und versuchte, dem Richter an die Gurgel zu springen.
Mit einer geschickten Körpertäuschung wich der Richter aus und wisperte: „Immer groß und niemals klein! Eintracht, Eintracht nur du allein.“ Dann warf er Hammer und Akte in die Luft, riss die Richterrobe auf, lachte hämisch und deutete mit beiden Händen auf seine breite, nackte Brust.
Ein riesiger Eintracht-Adler! Eintätowiert!
Aus des Richters Armen wuchsen Flügel! Adlerflügel!
Bevor er davonflog, rief er Döbert zu: „Würstchen! Offenbacher Würstchen! Niemals Bundesliga, niemals Bundesliga, ätsch!“
„Ei, Herr Döbert, was is dann? Warum schreie sie denn so?“
Josefine Vetter, die rüstige alte Dame, bei der Heinz Döbert seit sechs Monaten im Starkenburgring zur Untermiete wohnte, klopfte resolut an die Zimmertür.
Schweißgebadet saß Döbert im Bett. Die blonden, halblangen Haare klebten an der Stirn. Sein Mund stand offen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er zur Tür. Kein Wort brachte er über die Lippen.
„Herr Döbert?“
Kommissar Döbert sank in das Kissen mit dem Rosenmuster, zog die Decke über den Kopf, schloss die Augen und wünschte sich, ein anderer zu sein. Eine unauffällige Existenz. Irgendwo in dieser Welt. Vielleicht in Hanau. Jedenfalls weitab vom schönen Starkenburgring mit den großen Bäumen.
Und weitab vom Morddezernat in der Geleitstraße.
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