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Oberpfalz Krimi
Lotte Kinskofer: Heimvorteil

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  „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir ...“

   Inbrünstig betete Sepp Freisleder mit gefalteten Händen, hatte die Augen gen Himmel gerichtet und murmelte die Worte vor sich hin. Hartmut Degenhardt stand neben ihm, nervös trat er von einem Bein auf das andere. Er war kein gläubiger Mensch, der Bürgermeister.

   „Jetzt hör schon auf, Freisleder.“

  „Oh Herr, gib ihm die ewige Ruhe ...“ Der Mesner ließ sich nicht vom Beten abbringen.

  „Ich ruf jetzt die Polizei“, unterbrach ihn Degenhardt, zog sein Handy heraus und wählte die Notrufnummer.

  „Erst den Pfarrer, wegen der letzten Ölung.“

  Der Bürgermeister ignorierte diesen Vorschlag, was sollte der Pfarrer noch ausrichten? Doch damit alles seine Ordnung hatte, rief Degenhardt nicht nur die Polizei, sondern auch noch seinen Schwager an, den Dorfdoktor Wachter. Sollte der offiziell feststellen, was ganz deutlich war. Alois Schindler, Mitarbeiter der Gemeinde Neukirchen auf dem Wertstoffhof im Ortsteil Helmering, lag mit dem Gesicht nach unten und einem Messer im Rü­cken auf dem Container für Elektroschrott. Er war tot.

  Ausgerechnet heute Morgen beim Frühstück hatte sich der Bürgermeister vorgenommen, im Wertstoffhof nach dem Rechten zu sehen. Mehrfach hatte es Beschwerden von Bürgern gegeben, dass Alois Schindler zu spät aufsperre, weil er noch seinen Rausch vom Vorabend ausschlafen musste. Wenn ihn jemand aus dem Bett klingelte, dann war er grob und unverschämt. Degenhardt wollte mit ihm ein paar deutliche Worte reden. Aber er war zu spät gekommen. Kaum hatte er nun sein Telefongespräch mit der Polizei beendet, fing Sepp Freisleder zu reden an.

  „Ich hab ihn vorher angefasst und ein bissl umgedreht. Meinst, des ist schlimm?“
  „Musst es eben der Polizei sagen.“

  „Weißt, wie ich gekommen bin und er ist da gelegen, da hab ich gedacht: Vielleicht kann man noch was machen.“

  Ein optimistischer Gedanke, dachte Degenhardt, denn das Messer steckte ziemlich genau im Herzen. Aber gut, der Schock war sicherlich groß gewesen beim Freisleder.

  „Ich hab mich sowieso gewundert, dass hier schon offen war“, redete der einfach weiter. „Weil der Alois doch oft zu spät war. Und gestern hat ja die Mannschaft daheim gespielt, und da wird er nachher bestimmt noch ein paar Halbe getrunken haben.“

  Hartmut Degenhardt hätte jetzt lieber in Ruhe nachgedacht, aber der Mesner war nicht zu bremsen. Er redete einfach vor sich hin, um seinen Schrecken zu überwinden.

  „Ich hab schon viele Tote gesehen, aber der Alois, der ist doch ermordet worden. Des ist ganz furchtbar. Oder meinst, es war ein Unfall?“

  Die Frage war so dumm, darauf wollte der Bürgermeister einfach nicht antworten. Stattdessen rief er in der Gemeinde an, informierte seine Sekretärin, gab ihr Anweisungen. Dann telefonierte er mit seiner Frau, und als der Freisleder immer noch keine Ruhe geben wollte, gab er ihm sein Handy.

  „Da, ruf deinen Pfarrer an, wegen der Ölung.“

  Der Freisleder zögerte kurz, dann wählte er eine Nummer. „Pfar­rer Heimerl? Da ist Sepp Freisleder. Der Alois Schindler ist tot und ...“ Degenhardt wunderte sich. Warum rief der Mesner von Helmering nicht seinen Pfarrer an, sondern den von Neukirchen?

  „Ich möchte die Leich dem hochwürdigsten Herrn Pfarrer Hintermayer net zumuten“, hörte er jetzt den Freisleder sagen. Aha, Pfarrer Heimerl hatte also dieselbe Frage gestellt.

  „Es ist nämlich ein Mord oder so, und ich weiß net, ob er des in seinem hohen Alter noch so einfach verkraftet.“ Offenbar war er mit der Antwort des Neukirchner Pfarrers zufrieden, denn der Freisleder lächelte, bedankte sich und gab dem Bürgermeister sein Handy zurück. „Der kann ihm dann auch die Augen zudrücken.“

  Degenhardt steckte sein Handy ein und seufzte. Diese Sorgen hätte er jetzt auch gern ...

   
  

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