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Inselkrimi
Birgit C. Wolgarten: Und es wurde Nacht
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Ihre Augen brannten wie Feuer, aber es war das Geräusch, dieses impertinente, rhythmische Knarzen, das sie weckte. Sie streckte ihre Hand aus und tastete ins Leere. Dort wo sonst die kleine Nachttischlampe stand, war nichts, nur Luft. Feuchte Luft, die modrig roch, unangenehm und so gar nicht vertraut. Mühsam öffnete sie ihre Augen, doch um sie herum blieb alles dunkel.
Da, schon wieder dieser langgezogene Ton, der wie berstendes Holz klang.
Was ist das? Es kam von überall, war um sie herum und doch nicht greifbar.
Sie hatte Durst, ihre Zunge fühlte sich dick und pelzig an, ihr Hals war trocken.
„Endlich bist du wach!“
Ein Flüstern, irgendwo weiter vorne, vor ihr, dann wieder dieses Knarzen.
Sie wollte etwas sagen, wollte der flüsternden Stimme antworten, aber ihre Zunge war wie gelähmt.
So blieb ihre Frage stumm: Wer bist du?
Was war los mit ihr? Warum konnte sie nicht sprechen? Warum brannten ihre Augen? Sie wollte wissen, wo sie war, wer bei ihr war, hier im Dunkeln. Sie versuchte mit ihren tastenden Händen zu begreifen. Irgendwo in einem Winkel ihres Verstands erfasste sie, dass sie lag. Sie spürte klamme Kälte von unten heraufziehen. Sie suchte vergeblich nach ihrer Decke, stöhnte. Einen Gedanken, irgendwo in ihrem Kopf musste es doch einen Gedanken geben, an dem sie sich festhalten konnte, einen Anfang finden, um dann zu verstehen, was geschehen war.
Den Tanztee gestern Abend, sie hatte ihn früher verlassen.
Immer wieder tastete sie um sich, riss dabei ihre Augen auf, nichts änderte sich, die absolute Finsternis blieb, genauso wie das Knirschen und Knarzen. Wo bin ich?
Er war zu ihr gekommen. Trotz der Kälte spürte sie für den Hauch eines Augenblicks eine Hitzewelle und ein Kribbeln auf ihrer Haut. Sie hatten sich verabredet, seinetwegen war sie früher vom Tanztee nach Hause gegangen. Gerade in dem Moment, da sie schon glaubte, dass er wohl doch nicht kommen würde, stand er vor ihrer Tür. Sie hatten Sekt getrunken und dann ... Für einen Moment spürte sie erneut seine sanften Hände, die ihre Wangen berührten, seinen warmen Atem, der sich wie ein zarter Schal um ihren Hals legte. Sie streckte die Hände nach vorne. Hilf mir doch, ich kann nichts sehen. Ich will aufstehen, kann nicht, ... fühl mich so schwach! Ihre Augen tränten. Wieso kann ich nichts sehen? Was hast du mit mir gemacht?
Irgendwann war sie wohl in ihrem Bett eingeschlafen. Und er? War er gegangen oder war er bei ihr geblieben? Wo war sie jetzt? Wieso lag sie auf einem Holzboden? Oder war es eine Holzpritsche? Wenn sie nur irgendetwas erkennen könnte, und sei es nur schemenhaft! Doch um sie herum war nur diese undurchdringliche Dunkelheit.
„Du weißt nicht, wo du bist, und du siehst nichts, richtig?“ Wieder das Flüstern, das von überallher zu kommen schien.
Sie schüttelte den Kopf, wagte kaum zu atmen. Unaufhaltsam kroch die Angst in ihr hoch, erreichte ihren Brustkorb, machte sich breit in ihrem ganzen Körper und ließ sie erschauern. Sie schlang die Arme um ihren nackten Leib.
Sie ging nie nackt zu Bett!
Außer ... vielleicht gestern Abend? Wieder tastete sie vorsichtig um sich und zuckte zusammen. Etwas Spitzes hatte sie unter den rechten Daumennagel gestochen. Es war nur ein Schreck, nicht wirklich ein Schmerz. Aber ihre Augen taten weh, sie verstand nicht warum. Das Gefühl der Angst verwandelte sich langsam schleichend in Panik. Speichel lief aus ihrem Mundwinkel.
„Und? Wie geht es dir jetzt?“
Da war sie wieder, die Stimme! Von wo genau kam sie? Und zu wem gehörte sie? War es die des Mannes? Gestern Abend hatte er ähnliches zu ihr gesagt, sehr zärtlich, aber nun klang seine Stimme gehässig. Sie wollte antworten, um Hilfe schreien, doch kein Ton kam über ihre Lippen, noch nicht einmal ein Stöhnen oder lautes Atmen.
„Du hast Angst, nicht wahr, eine Angst, die dir die Luft zum Atmen nimmt.“
Es konnte doch nur Baba sein. Sie war so dumm gewesen, sich mit ihm einzulassen. Wieso nur? Sie hatte ihn vor ein paar Wochen am Südstrand kennen gelernt. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ein fast fremdes männliches Wesen in ihr kleines Reich einzuladen? Sie hatten erst wenige nette Stunden miteinander am Strand oder mal in einem Café verbracht. Und sie kannte lediglich seinen Spitznamen! Sie hatte ja auch nicht wirklich geglaubt, dass er kommen würde. Aber er kam! Er hatte tatsächlich vor ihrer Tür gestanden, mit einem Strauß Baccararosen und einer Flasche Sekt. Dabei hatte er sie so lieb angeschaut, dass sich in ihr eine sehnsüchtige Welle nach Zärtlichkeiten ausbreitete.
Ich bekomme kaum noch Luft, was passiert ...? Sie öffnete ihren Mund. Kalter Speichel füllte ihre Mundhöhle. Ihr wurde übel. Sie fühlte die Gefahr wie kleine Nadelstiche auf ihrer Haut, konnte sie riechen, atmete sie ein.
„Jetzt bekommst du, was du verdienst. Alles im Leben hat seinen Preis.“ Das Flüstern ging in ein leises Lachen über.
Als ob es sie endgültig wach gerüttelt hätte, wich nun das letzte bisschen Verwirrung, das sie vor der wachsenden Todesangst beschützt hatte, aus ihr heraus. Ihr Lebenswille erwachte. Sie zog die Beine an den Körper, versuchte sich zu drehen und aufzustehen. Sie war alt, ja, hatte viel gesehen, aber noch war sie nicht bereit zu sterben, noch nicht.
„Du willst fort? Weg von mir und von dem, was ich dir noch zu bieten habe? Komm, versuch es doch, versuche aufzustehen!“ Das heisere Flüstern bekam einen drohenden Unterton, und ihr war, als könne die Stimme nicht nur zu ihr sprechen, sondern auch nach ihrem Herz greifen, es umfassen und zerdrücken. Mühsam stand sie auf, ihr Atem ging stoßweise. 
„Da stand plötzlich jemand hinter mir
und riss aus diesem Weinen mich an meinem Haar.
Und eine Stimme rief, die furchtbar war:
Rate, wer hält dich so?
Der Tod, gewiss!“
Ein Ring legte sich um ihre Brust, wurde enger. Ihr Herz schlug schnell, viel zu schnell. Sie musste weg hier, musste Hilfe finden vor diesem Wahnsinn. Es gelang ihr, aufzustehen. Sie schwankte, machte aber taumelnd und mit ausgestreckten Armen einen Schritt nach vorne, in eine Richtung, von der sie hoffte, sie bringe sie heraus, nur fort von diesem Albtraum. Mit jedem vorsichtigen Schritt, der ihr gelang, stieg ihre Zuversicht. Und dann hörte sie wieder die Stimme.
„Ja, komm näher, noch näher! Komm ganz nah zu mir.“

    
   

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