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Inselkrimi
Birgit C. Wolgarten: Der Tod der Königskinder
Leseprobe
   
Er betrachtete seine Hände. Sie zitterten nicht einmal. Erstaunlich, nach allem, was er gerade erlebt hatte.
Obwohl es bitterkalt war, saß er auf der kleinen Holzbank am Ufer des zugefrorenen Schwarzen Sees und schaute vor sich auf die Eisfläche. Er hatte sich genau so hingesetzt, dass er zwischen den noch kahlen Sträuchern auf das Loch im Eis blicken konnte. Er öffnete den Rucksack neben sich, entnahm ihm eine Thermoskanne und eine Papiertüte mit einem Leberwurstbrot. Den Deckel der Kanne nutzte er als Trinkbecher und goss den dampfenden Kaffee hinein.
Die Wolkendecke am Horizont riss auf und machte Platz für den Dreiviertelmond. Mit seinem kalten Licht beleuchtete er das Waldgebiet ringsum, und die Eisfläche schimmerte nun bläulich. Er lächelte, während er seine klammen Finger an dem heißen Kaffeebecher wärmte. Ein wohliges Schaudern durchströmte ihn. Nur er wusste, was gerade unter dem Eis geschah.
Das beleuchtete Display seiner Digitaluhr zeigte 23:24 Uhr an.
Er genoss die eingetretene Ruhe, er war nun ganz allein an dem See. Seit genau ... er schaute erneut auf die Uhr ... 93 Sekunden.
Er ließ die Wasserstelle nicht aus den Augen, während er einen Schluck von dem heißen, süßen Milchkaffee trank. Dank des Mondlichtes konnte er nun die Stelle besser sehen. Den besten Blick hatte er natürlich vom Steg aus. Ob es sich lohnte, sich dorthin zu stellen? Aber warum? Nichts geschah, alles blieb ruhig, und es war kaum anzunehmen, dass sich daran noch etwas ändern würde.
Es gab Dinge, die passierten eben, wenn man ihn herausforderte!
Sein Lächeln wurde breiter, und ohne hinzusehen packte er das Brot aus. Genüsslich biss er ein großes Stück davon ab, kaute es zu einem fettigen Brei, den er mit Kaffee hinunterspülte. Von seinem Zeigefinger leckte er die überquellende Leberwurst ab. Er stutzte und noch einmal fuhr er mit seiner heißen Zunge über den Finger, saugte an ihm. Er schmeckte nach Blut, nach ihrem süßen Blut.
   

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