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| Wendland
Krimi Anke Cibach: Rat der Raben |
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| Leseprobe Fassungslos starrte ich auf den zuckenden Körper, der sich noch einmal aufbäumen wollte, bevor er hilflos in die dunkle Lache zurücksank, die sich unter ihm ausbreitete. Teile des Gedärms drängten nach außen, und ich kämpfte mit aller Kraft gegen die aufsteigende Übelkeit an. Ganz entspannt im Hier und Jetzt, ließ ich meine innere Stimme sagen und zählte bis fünf. Dabei stellte ich mir pflichtgemäß eine idyllische Insel mit Palmen und Äffchen vor. Umsonst. Mein Mageninhalt wanderte in die falsche Richtung, und ich befand mich immer noch am Tatort. Am schlimmsten waren seine Augen. Anklagend und um Hilfe heischend. „Nicht sterben. Bitte nicht sterben“, flüsterte ich geschockt und nahm gerade noch wahr, dass sich ein stumpfer Gegenstand in meinen Rücken bohrte. Es fühlte sich wie ein Gewehrlauf an, obwohl mir da die Erfahrungswerte fehlten. „Ich war’s nicht“, versuchte ich mich für alle Fälle zu verteidigen und drehte den Kopf vorsichtig nach hinten. Das Gewehr wurde jetzt mit einem Klicken entsichert. „Zur Seite“, herrschte mich der Mann an und richtete die Waffe auf das Opfer am Boden. „Sie können doch nicht ...“, protestierte ich hilflos. „Sie haben Recht. Da ist nichts mehr zu machen.“ Er ließ das Gewehr sinken und stieß den ausgewachsenen, toten Dachs mit dem Fuß an. Dann zog er das Tier und schließlich auch mich an den Straßenrand. Komisch, meine Zähne klapperten, obwohl es erst Anfang Oktober war. In der Dämmerung stieg der Nebel feucht aus dem dichten Eichenwald. Geheimnisvolles, nächtliches Wendland, auf den ersten Blick empfand ich die Landschaft des Elbe-Urstromtals wie ein archaisches Naturschauspiel, inszeniert von einem Regisseur, der gerne mit Gruselelementen arbeitete. „Er lag schon mitten auf der Straße, ich wollte nur erste Hilfe leisten“, beteuerte ich und verwünschte meine zittrige Stimme. „Mein Name ist Bea Puvogel.“ „Ist schon in Ordnung.“ Der Mann im grünen Rock klopfte mir beruhigend auf die Schulter. „Sie können es gar nicht gewesen sein. Mit dem Spielzeugauto lägen Sie jetzt neben dem Dachs.“ Aber hallo! Der Waldschrat sprach von meinem besten und vermutlich einzig wahren Freund, der mir nach der Scheidung geblieben war: Smartie, ein Smart & pulse in Aqua green mit automatisiertem, sequenziellen 6-Gang-Schaltgetriebe und Crash-management-System. Seine 599 cm³ enthielten stramm gepackt fast meine gesamte Habe, die ich für den neuen Job im Wendland brauchte. Ach was, neuer Job, ein neues Leben, wenn möglich. Falls ich an diesem Sonntag noch am Ende der Welt ankommen würde. Meuchefitz, Waddeweitz, Pretzetze, Witzeetze, Klein Gusborn, Groß Gusborn – so hießen die Dörfer im Wendland, wer konnte das je auseinander halten? Dieses Wendland erstreckte sich längs der Deutschen Fachwerkstraße, der Niedersächsischen Mühlenstraße und einer Spargelstraße, wie ich gelesen hatte. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg lag am Ende vom Ganzen. Elbtalaue, Flusslandschaft zwischen Elbe und Jeetzel, Biosphärenreservat, das hörte sich theoretisch sehr idyllisch an. Oder nach dem Arsch der Welt. Die für die Gegend typischen Rundlingsdörfer, klang das nicht nach Steinzeit oder Schutzwällen vor angreifenden Indianern? „Wenn du im Elbholz landest, nachdem du über Meetschow und am Gartower See entlang gefahren bist, dann ist es zu spät, und du bist bei uns schon vorbei“, hatte meine Freundin Ulli am Telefon erklärt und lakonisch hinzugefügt: „Abends um 22.00 Uhr geht die Straßenbeleuchtung aus. Dann ist hier tote Hose. Sieh zu, dass du vorher da bist. Immer den Raben- oder Eulenrufen nach.“ Ja, wenn meine verflixten Phobien nicht gewesen wären ... Wie zum Beispiel Paralipophobie, die Angst vor Pflichtversäumnis. Ich kam nie zu spät, vergaß nie den Muttertag, bremste für Igel und hielt bei jedem toten Dachs an. Wie sich das gehörte. Nun ja, in Hamburg-City gab es nicht so viele Igel oder Dachse. Und diesen Dachs hatte ich zuerst für ein Riesen-Stinktier gehalten. „Gibt es im Wendland Stinktiere?“, erkundigte ich mich misstrauisch. Besser dem Feind ins Auge schauen. „Wenn Sie die auf zwei Beinen meinen, das sind die Zugereisten. Die waren früher hinter der Mauer.“ Ups, ein Patriot. Ich beschloss, neutral zu bleiben und mir lieber den genauen Weg auf der Karte zeigen zu lassen. Der Waidmann hatte es eilig. „Passen Sie beim Fahren gut auf. Hier herrscht starker Wildwechsel.“ Ich musste ihn wie ein hypnotisiertes Kaninchen angestarrt haben, denn er belehrte mich: „Damwild. Säue. Wildschweine. Hoch- und Niederwild.“ Ich hätte bei Hochwild zwar eher auf Gemsen getippt, aber spielte es eine Rolle, durch wen oder was ich bei einem Zusammenstoß ins Jenseits befördert wurde? Nichts gegen potenzielle Leichen, sie passten im weitesten Sinne zu meinem neuen Beruf als Privatdetektivin. Mit dem druckfrischen Diplom, für teures Geld im Fernkurs erworben, wollte ich Ulli überraschen, die mir schon lange zu einer beruflichen Veränderung geraten hatte. „Lass endlich die altmodische Psycho-Kacke, die Zukunft liegt im Mystischen. Experimentelle Kommunikation mit Bäumen und Sternen, die heilenden Kräfte im Selbst wecken, zurück zu den Ursprüngen des Universums ...“ Ulli und ich hatten uns damals während des Psychologiestudiums in Hamburg eine Bude geteilt und bei billigem Rotwein über mein strenges Über-Ich und ihre polygame Veranlagung diskutiert. Nach dem Diplom trennten sich unsere Wege. Ulli driftete in die esoterische Richtung ab, lief barfuß über Feuer und bald ganz davon. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt mit Testkonstruktionen und heiratete Rolf, einen Polizeibeamten, den erstbesten Mann, der sich in mich verliebt hatte. Zwei durchschnittlich glückliche Jahre folgten. Dreimal pro Woche lag ich auf der Couch eines Psychiaters, um meine diversen kleinen Ticks und Ängste abzuklären. In der Zeit lernte Rolf eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern kennen und lieben. Aus Anstand willigte ich sofort in die Scheidung ein und überließ Rolf die Wohnung, den Freundeskreis und sogar meinen Psychiater. Die Werbeanzeige für das Detektiv-Diplom hatte ich zerknüllt auf dem Fußboden einer öffentlichen Toilette gefunden, während ich kriechend eine meiner Kontaktlinsen suchte. „Brauchen Sie Durchblick?“ Wenn das nicht Schicksal war! „Verfügen SIE über Menschenkenntnis? Einfühlungsvermögen?“ Wer, wenn nicht ich? Das mit Rolf war sicher nur eine Ausnahme gewesen. „MÖCHTEN SIE NEUE KONTAKTE KNÜPFEN, SELBSTÄNDIG ARBEITEN UND FINANZIELL UNABHÄNGIG SEIN?“ Ja, und immer wieder ja, genau das wollte ich! Mein Geld reichte gerade noch für die letzte Rate des Kurses, die Lizenz und Smarties Unterhalt, deshalb hatte ich auch ohne zu zögern Ulli zugesagt, ihre Praxisvertretung für unbestimmte Zeit zu übernehmen, während sie eine längere Fortbildung in Kalifornien absolvierte. „Du brauchst nur an drei Tagen zu arbeiten. Alles Privatzahler, ein sympathischer Menschenschlag.“ Das hörte sich gut an, nebenbei könnte ich sicher noch erste Ermittlungsfälle übernehmen. Das Wendland als Teststrecke auf dem Weg zu lukrativeren Gefilden. Der Weg. Von Hamburg aus über die Autobahn bis Lüneburg, dann quer durch das Waldgebiet der Göhrde, in der man, wie ich mich leider gut erinnerte, einen unheimlichen Parkplatzmörder bis heute nicht gefasst hatte. Laase, Gorleben, Meetschow – ich ließ den Gartower See hinter mir und bog scharf in Richtung Rienswalde ab. Ein schmaler, von Kopfweiden gesäumter Holperweg, an dessen Ende der besagte Eulenbaum neben einem langgestreckten Gebäude stand. Wie versprochen, keine Straßenbeleuchtung. Auch sonst kein Licht, nirgends. Ich brachte meinen Lebensgefährten zum Stehen, stieg aus und bildete mir hundert glühende Augenpaare ein, das machte, Moment mal, rein rechnerisch, 50 scharfe Schnäbel. Bloß nicht mit der Taschenlampe provozieren. Eine Panikattacke konnte ich mir nicht leisten, also tastete ich mich bis zum Eingang vor und beleuchtete das Praxisschild: Praxis für Esoterik und Lebensberatung. Keine Kassen. Alle Lebewesen. Darunter noch handschriftliche Zusätze wie: Bemalte Gänseeier Tarot und Engelbotschaft Geisterjäger und Didgeridoo Wen oder was sollte ich da vertreten? Ulli war mir schleunigst eine Erklärung schuldig! |
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