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Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser 
- ausgewählt und erzählt von Burckhard Garbe
Leseprobe
      
Der Westerturm in Duderstadt
  
Es war vor rund fünfhundert Jahren, da lebten in Duderstadt noch nicht so viele Einwohner wie heute, und überliefert die Sage, es habe da nur eine einzige Kirche gegeben. Aber war die Kirche längst zu klein geworden für alle die Gläubigen, die zum Gottesdienste drängten, also, dass eines Sonntags nach der Kirche der Priester am Kirchenportale auf den Bürgermeister wartete, ihn beiseite nahm und eine neue, größere Kirche forderte.
  
«Wie soll das geschehen?», so fragte der zurück. «Das Stadtsäckel ist nur mäßig gefüllt, wir könnten einen Baumeister und einige Gehilfen sicher bezahlen, aber zum Bau einer Kirche braucht es viele Arbeiter, und für die ist kein Geld da.»
  
«Dann muss eben die gläubige Bevölkerung dabei helfen», meinte der Priester, und das wiederholte er auch am folgenden Sonntage in seiner Predigt. Und sagten ihm viele danach ihre Hilfe zu.
  
Der Bürgermeister setzte eine Ratssitzung an, schilderte den Vorschlag des Priesters und wie eine Lösung der schwierigen Lage aussehen könne, und beschlossen nach langem Diskutieren die Ratsherren Duderstadts, eine neue, größere Kirche zu bauen unter Mithilfe der ganzen Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, und sollte jeder das zu der neuen Kirche beitragen, was er leisten könne.
  
Also verkündete der Bürgermeister am Ende der Sitzung den Beschluss des Rates und schloss mit den Worten: «Wir rufen also jedem Menschen in dieser Stadt zu: ‚Hilf auch du der Stadt!’»
  
Am folgenden Tage wurde im Rate beschlossen, eine kleine Abordnung von Ratsherren ins böhmische Prag zu senden; denn dort gäbe es die besten Baumeister.
  
So machte sich eine Gruppe von Ratsherren mit dem Bürgermeister an der Spitze auf die Reise und fuhr in zwei Kutschen nach Prag. Dort angekommen, besichtigten sie erst die Stadt mit ihren schönen Gebäuden und vielen Kirchen, hatten dann ein Gespräch mit dem Oberbürgermeister dort, und der empfahl ihnen drei erfahrene Baumeister aus der Dombauhütte des Veitsdoms auf dem Hradschin. Mit diesen dreien führten sie dann bei gutem böhmischem Schwarzbier ihre Gespräche, und erklärte sich zuletzt einer von ihnen bereit, mit ihnen nach Duderstadt zu kommen, die neue Kirche zu planen und den Bau zu überwachen. Dieser hatte noch als Lehrmeister einen jener Baumeister gehabt, die den Veitsdom erbaut hatten. Und hieß er Jan Novotný.
  
Nach ihrer Rückkunft aus dem fernen Böhmen war nur gerade ein Monat vergangen, da hatte Jan Novotný seinen Kirchenplan fertig, und stimmten die Ratsherren Duderstadts ihm zu. 
  
Nun mussten einige Steinmetzen und Arbeiter eingestellt werden, kundige Männer vom Fach, die der helfenden Bevölkerung die Anweisungen erteilen konnten, und wurde vor allem das Baumaterial auf Bauernwagen herbeigeschafft: heimischer heller Sandstein aus dem Eichsfelde.
  
Die Arbeiten wurden aufgenommen und kamen unter tätiger Mithilfe der Duderstädter Männer, Frauen und Kinder gut voran. Und nach einiger Zeit war die Kirche schon zur Hälfte fertig.
  
Eines Tages führte der Zufall den Teufel nach Duderstadt, und durchfuhr ihn bei diesem Anblick ein Riesenschreck, eine neue, größere Kirche war nun gar nicht nach seinem Geschmack. Das musste er mit allen Mitteln verhindern.
  
So verkündete er in der Gestalt des städtischen Ausrufers, dass am Abend eine Versammlung der Duderstädtischen Männer da und da stattfände, und tatsächlich hatte sich abends an vorbezeichneter Stelle viel Mannesvolks eingefunden. Der Teufel war als gut gekleideter Bürgersmann gekommen und hielt eine Rede: 
  
«Duderstädter Männer, ich meine es gut mit euch! Was ich in den letzten Wochen hier sehe, ist, dass ihr die Ärmsten der Armen seid, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend hier schwere Arbeiten tun und sich müde schuften; die Frauen und Kinder tun ja naturgemäß nicht viel. Und wozu das Ganze? Um eine neue, größere Kirche zu bauen. Aber die ist euch gar nicht nötig in Duderstadt. Denkt einmal nach, wenn ihr am Sonntage nicht mitginget in die Kirche, sondern einfach nur das Weibervolk gehen lasst, dann wird die alte Kirche noch lange genügen. Auch hättet ihr dann den Vorteil, dass ihr nicht den urlangweiligen Gottes-dienst ertragen müsstet, sondern ihr könntet derweilen schon mit Freunden im Wirtshaus sitzen und einen gemütlichen Frühschoppen trinken. Wie gesagt, ihr brauchet die neue Kirche nicht, seid doch nicht dumm! Auf diesen Gedanken aber lasst uns nun anstoßen: Prosit!»
  
Und jeder Mann hatte auf einmal ein Glas Branntewein in der Hand, und hatte allen das eingeleuchtet, was der Redner da gesagt hatte, und tranken sie darauf. Viele Gespräche entstanden, und alle stimmten dem Redner zu und wollten nicht länger ihre Kräfte für ein unsinniges Ziel vergeuden. Und hatte jeder bald auch ein zweites Glas in der Hand und darauf ein drittes. An diesem Abend kamen die Duderstädter Männer spät und betrunken nach Hause. Am Morgen konnte keiner von ihnen aufstehen und zur Arbeit an der Kirche gehen, zu betrunken waren sie noch, und mussten alle den teuflischen Rausch ausschlafen. 
  
An diesem Tage wurde an der Kirche nicht weitergearbeitet und am nächsten Tage wieder nicht. Denn der Teufel hatte für neuen Branntwein bei jedem der Männer gesorgt, und keiner konnte diesem wohlschmeckenden Getränke widerstehen. 
  
Als sieben ganze Tage ohne Weiterarbeit vergangen und Priester, Bürgermeister und Baumeister Jan Novotný entsetzt waren und sich keinen Rat wussten, da hatte die Frau des Bürgermeisters einen Einfall. Sie ließ durch den städtischen Ausrufer alle Frauen der Stadt zu einer Versammlung laden, und alle, alle kamen. Denn den Frauen war es so gar nicht recht, was ihre Männer taten. Und erinnerte die Bürgermeistersche die Frauen daran, dass es bei den alten Griechen eine mutige Frau namens Lysistrata gegeben habe, die ihre Athenischen Mitschwestern dazu gebracht habe, sich den eigenen Ehemän-nern bei Nacht zu verweigern und das so lange, bis die Männer den Peloponnesischen Krieg beendeten. 
  
«Warum», so fragte sie in die Runde, «warum sollte uns das nicht auch gelingen? Unsere Männer werden bald klein beigeben, und der Kirchbau wird wieder vorankommen.»
  
Den Frauen leuchtete das ein, und alle versprachen, nach diesem Vorschlage zu handeln.
  
Und überall in der Stadt geschah in dieser Nacht eben das gleiche: Als die Männer nach einigen Glas Branntewein sich ihren Ehefrauen zärtlich nähern wollten, wurden sie zurückgewiesen, und schliefen die Frauen allein.
  
So ging es eine ganze Woche, und dann endlich waren die Duderstädter Männer alle insgesamt so weit gebracht, dass sie für die Liebe ihrer Frauen auf den abendlichen Branntewein verzichteten. So waren sie nachts nüchtern eingeschlafen und konnten morgens mit frischen Kräften zum Kirchenbau gehen. Und wuchsen ab dann auch wieder die Kirchenmauern in die Höhe.
  
Als er davon erfuhr, wütete der Teufel gar sehr, wollte aber seinen Plan nicht aufgeben. So ließ er die Duderstädter Männer zu einer erneuten Versammlung laden. Aber als er dazu erschien, da war nicht einer gekommen. Aber noch immer wollte der Teufel nicht klein beigeben.
  
Anderen Tages ging er in der Gestalt des Redners der ersten Versammlung von einem zum andern, während sie am Bau der Kirche arbeiteten, und mit jedem Einzelnen führte er ein Gespräch unter vier Augen und wiederholte seine Argumente von neulich. Doch wollte so gar keiner von ihnen noch einmal auf ihn hören.
  
Plötzlich rief einer der Männer, der ihn gerade eben erst ent-deckt hatte, laut: «Da ist ja der Teufel!»
  
Alles wendete sich um und schaute, besonders die Frauen, die ohnehin Wut auf den Teufel hatten; hatte er doch ihre Männer über längere Zeit betrunken gemacht und den Fortgang der Bauarbeiten an der Kirche mit Plan verhindert.
  
Und kaum war der Teufel von allen ausgemacht, rief eine Duderstädtische Frau: «Fasst ihn! Verfolgt ihn!»
  
Nun musste der Teufel laufen, wollte er nicht sofort gefasst und verprügelt oder gar getötet werden. Er lief durch die Straßen, die Menge folgte ihm nach, viele Frauen holten aus ihren nahen Häusern, was sie schnell ergreifen konnten: Besen, Feuerhaken, Rechen, Mistgabeln, und mit all dem liefen sie hinter ihm her und wollten ihm damit ans Leben.
  
Schon glaubte sich der Teufel entronnen und in Sicherheit, stand und verschnaufte ein wenig; aber da kam aus anderer Richtung ein neues Heer wütender Duderstädterinnen ihm entgegen. Fast schon war er eingekreist, denn die hinter ihm hatten ihn auch bald erreicht, hier unten, also blieb ihm nur noch das Oben, er musste nach oben fliehen, wohin sie mit ihren Geräten nicht kamen. 
  
Da befand er sich gerade am Westerturm, der nach seinem Brande vor kurzem war wieder errichtet worden, und war das Holz seines Dachstuhls noch frisch. Da sprang der Teufel, den wütenden Weibern zu entgehen, in letzter Minute mit gewaltigem Satz, aber in Hast und mit unglücklichem Absprung, hoch an das Spitzdach des Turms, um es mit beiden Armen zu umarmen und sich daran festzuhalten. Aber er landete an dessen linker Seite, und der große Schwung, den er hatte, trieb ihn nach links herum, und das so gewaltig, dass sich das ganze Spitzdach des Turmes schraubenartig mitdrehte, er rutschte durch den Aufwärtsschub weiter hoch bis zur obersten Spitze und von da in die Luft, weiter schraubenartig, bis er in einer dunklen Wolke im Himmel verschwand, die tief darüber hing.
  
Aus der Tiefe unter ihm kam ein vielstimmiges enttäuschtes «Oh!», dem so manches «Schade!» folgte und «Fast hätten wir den Kerl gehabt!».
  
Seitdem ward der Teufel in Duderstadt nie mehr gesehen. Die Kirche aber wurde in ruhiger Arbeit zu Ende gebaut; doch hat sie später den Dreißigjährigen Krieg nicht überlebt, was auch St. Laurentius, Duderstadts Stadtpatron, leider nicht hat verhindern können.
  
Baumeister Jan Novotný aber hatte seiner Kirche am Dache als weit in die Luft reichende Wasserspeier eben solche Schreckfiguren zugedacht, wie er sie aus seinem heimatlichen Prag vom Veitsdom her kannte: hässliche Fabelwesen, bizarre Bestien, die die Zunge herausstrecken oder ihr Hinterteil entblößen, Phantasiewesen mit Flügeln, ein Hundekopf mit weit aufgerissenem Maule und manches andere noch. Und soll er auch eine lächerliche Teufelsfigur von seinen Steinmetzen habe meißeln lassen, die ein kleines Branntweinglas in der Hand hielt.
   

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