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Die schönsten Sagen aus Hessen 
- ausgewählt und erzählt von Burckhard Garbe
Leseprobe
      Scherenschnitt von Albert Völkl
Der Advokat und der Teufel

Dass Angehörige verschiedener Berufe sich gegenseitig schlecht beurteilen und sich mit Schimpfwörtern benennen, ist seit alters als „Berufsschelte“ bekannt. So heißt der Kaufmann im Volksmund seit langem der „Koofmich“ oder „Heringsbändiger“, der Winzer ist ein „Weinpanscher“, aus neuer Zeit kennt man „Bulle“ für Polizist, „Seelenklempner“ für Psychiater und „Sesselpuper“ für den Beamten. Sehr viel älter aber sind die Bezeichnungen „Rechtsverdreher“ und „Winkeladvokat“ für den Rechtsanwalt. Und gibt es eine Sage, die von einem solchen handelt, der diese Bezeichnung wirklich verdiente.
In Darmstadt wohnte einmal ein Advokat Dr. Paragraphus, das war ein rechter Leuteschinder, und brachte er die armen Bauern an den Rand des Ruins oder darüber hinaus, er drängte und trieb sie auch zum aussichtslosesten Prozess, und wenn sie Haus und Hof verprozessiert hatten, nahm er ihnen alles und jagte sie davon.
Eines Tages ging Dr. Paragraphus mit einer gewaltigen Tasche voll Akten und Papieren hinaus ins Ried. Unterwegs holte ihn ein Mann in Odenwälder Tracht ein, er trug einen breitkrempigen Dreispitzhut, einen langen blauen Rock, eine rote Weste und kurze Hosen mit weißen Strümpfen; aber waren seine Beine dürr wie Stecken.
Der Fremde zog den Advokaten in ein Gespräch, er erfreute sich an allem, was dieser so von sich gab und lachte viel. Aber klang das Lachen so spöttisch und scharf, dass es diesen erschauerte. So blickte er seinem Gefährten nun genau ins Gesicht, aber war daran nichts Besonderes zu merken. So schaute er ihn nun von oben bis unten an, und sah er endlich an den Füßen, wen er da neben sich hatte. Es war mit einem Bocksfuß der Herr der Hölle höchstselbst. Nun packte ihn doch die Furcht, und war ihm gar nicht wohl in seiner Haut.
Es fiel ihm eine Weisheit seines Vaters ein: ‚Angriff ist die beste Verteidigung’, also fragte er den Teufel direkt: „Warum verschlägt es Euch in das Ried, ist in der Hölle bereits alles gerichtet?“ Der Beelzebub aber lachte und antwortete: „Ihr habt es getroffen, ich habe eine Seele da abzuholen, die schon viele Menschen dort zu mir gewünscht.“ ‚Im Ried’, dachte der Advokat und wusste sich damit nicht getroffen. So nahm er seine muntere Rede wieder auf, und prahlte er vor dem Bösen mit seinen Händeln und Prozessen und lachte über deren günstigen Ausgang für sich selbst, und der Unterweltsfürst pflichtete ihm immer bei.
Da begegnete ihnen ein armer Metzger, der trieb ein Schwein nach Hause, und grunzte es hier und schnüffelte dort, bald nach Kastanien, bald nach Trüffeln, aber immer in der Erde oder im Kote, so dass es ganz schwarz war. Der Metzger aber ward es Leid, und er beschimpfte sein Schwein: „Ach, dass dich der Teufel hole!“ Darauf hatte der Advokat fleißig gemerkt, stieß den Gottseibeiuns an und sagte: „Das gehört jetzt dir.“ Doch der Böse schüttelte nur den Kopf und sagte: „Das ist so ernst nicht gemeint; ich lasse die Sau dem armen Menschen, er muss mit Frau und Kindern die ganze Woche davon leben.“ Und zeigte es sich, dass der Advokat böser gehandelt hätte als der Böse selbst.
Sie erreichten den nächsten Ort und hörten da ein kleines Kind jämmerlich weinen und schreien, so dass seine Mutter das Fenster öffnete und hinausschrie: „Halt endlich dein Maul, sonst kann dich der Teufel holen!“ Aber das Kind hörte nicht auf. Da wandte sich der Advokat wieder an seinen bocksfüßigen Begleiter: „Das Balg ist dein, du hast es gehört.“ Aber wieder wies ihn der Deixel zurück: „Das war so schlimm nicht gemeint, ich kann doch dieser Mutter nicht ihr einziges Kind nehmen.“ Und empörte sich der Advokat darob und sagte: „Das hätte ich nie gedacht, dass der Fürst der Hölle ein Herz hat und ein solch weiches dazu. Würde ich so nachgiebig handeln, wäre ich längst Anführer der Bettler und Habenichtse.“
Sie schritten fort, und der in der schwarzen Robe prahlte und brüstete sich immer weiter der Bubenstücke an seinen Klienten, bis sie zu dem Dorfe gelangten, wo er nun einem armen Bauern alles Hab und Gut nehmen wollte. Die ganze Familie stand mit den Nachbarn schon in Erwartung des Advokaten auf der Gasse, und fielen der Mann und sein Weib ihm nun zu Füßen. Sie jammerten und baten ihn, sie nicht gänzlich ins Unglück zu stürzen. Doch hohnlachte da der Schwarze und sagte zum Teufel: „Nun sieh einmal gut zu, wie ich einen solchen Kasus richte, da kannst du was lernen“, gab dem Manne und seiner Frau mehrere Fußtritte und rief: „Nichts da, ihr Gesindel, es wird alles verkauft, ihr seid am Ende!“ Da sprang der Mann in jähem Zorne auf und schrie: „Du Henker und Halsabschneider, dich wird der Teufel holen, oder Gottes Bibelwort von der Gerechtigkeit auf Erden wäre nicht wahr.“ Da lachte der Teufel bitter auf und sagte: „Hörst du, mein Freund, das ist jetzt aus tiefstem Herzen so gemeint, und jetzt greife ich zu.“ Und er packte den Advokaten an seiner schwarzen Robe und stieg mit ihm auf in die Lüfte; keiner im Ried oder in Darmstadt hat ihn je wieder gesehen. 
Und haben die Darmstädter Advokaten alles versucht, diese Geschichte über ihren unrühmlichen Kollegen, das schwarze Schaf, geheimzuhalten, allein vergebens, wie man hier lesen konnte.
   

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