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| Die schönsten Sagen
aus
Nürnberg und Mittelfranken - ausgewählt und erzählt von Nessa Altura |
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Leseprobe
Der Dudelsackpfeifer und die Pest Jeder kennt wohl die Töne, die ein Dudelsack macht: Sie ziehen durchs Gemüt, sie können traurig und melancholisch sein, aber auch frech und schräg, gerade wie es der Bläser vermag. Da gab es einmal einen zu Nürnberg, der verstand sich vorzüglich auf das Dudelsack-Blasen. Er war deshalb in allen Wirtschaften gern gesehen, denn sobald er sich setzte, strömten die Gäste herbei, damit sie neben Speis und Trank auch etwas fürs Gemüt hätten. Der Dudelsackbläser war ein Fremder, woher, ist nicht bekannt. Er hatte blitzende blaue Augen und eine männliche Figur, und manch ein Mägdlein in der Stadt hat schon abends vor dem Einschlafen an ihn gedacht. Nun ist ein fahrender Musikant jedoch keine gute Partie, und so suchten die Väter und Mütter, ihre Töchter daheim zu halten, sobald die Dudelsackmelodie erklang. Dem Bläser war's recht; er hatte seine Kundschaft so oder so. Er lebte von dem Geld, das die Zuhörer in seinen Hut warfen, und er lebte davon nicht schlecht. Er war ein Luftikus, ein Spielmann, der in den Tag hineinblies und sich von dem ernährte, was man ihm gab – von der Hand in den Mund, aus dem Becher in den Schlund. Und die Wirte meinten’s gut mit ihm, ließen ihm hier ein Glas und dort einen Humpen bringen, damit er nur weiterspielte und die Gäste am Heimgehen hinderte. Nun sprechen wir von einer Zeit, die furchtbar war. In ganz Europa und so auch in Nürnberg ging ein Gespenst um, dessen Namen überall Grauen und Panik verbreitete: die Pest. Wen sie in den Klauen hatte, der wusste es erst nicht. Es begann mit Fieber und Mattigkeit, und dann am dritten Tag zeigte sich etwas, das einem Todesurteil gleichkam: Überall am Körper brachen schwarze Pusteln auf, eiterten und stanken und binnen weniger Stunden war der Befallene tot. Es waren so viele, die daran starben, dass man anfing, sich darüber zu wundern, dass der oder jener noch lebte. Es starben die Kinder den Eltern, die Schwester dem Bruder, der Mann seinem Eheweib und andersherum, dem Meister die Lehrlinge, dem Abt die Mönche, den Kebsen die Kunden, den Pfaffen die Ministranten, dem König die Reiter. Es war ein Grauen in den Gassen, das den Menschen die Sinne verwirrte, denn keiner wusste, woher es kam, wie man ihm entrinnen konnte und wen es als Nächsten suchte. Und wie so oft in wirren, ungeordneten Zeiten gab es auch welche, die sich diesen Umstand zunutze machen wollten: Da tranken die Zecher mehr als je zuvor und ließen es anschreiben, in der Hoffnung, dass der Wirt in der nächsten Woche unter den Toten wäre. Die Jünglinge versprachen den Mädchen das Blaue vom Himmel herunter, damit sie ihnen zu Gefallen waren – es wäre doch schade, wenn diese oder jene Hübsche als Jungfrau stürbe, so schmeichelten sie, und manche hatten Erfolg damit. Und es gab Eheweiber, die sich ganz ungeniert mit einem in die Wirtschaft begaben, der nicht ihr Angetrauter war, und nach Wein riefen und derbe Witze machten, als gäbe es keinen Ruf mehr zu verlieren. Man kann unschwer erkennen, dass dies lustige Zeiten für unseren Spielmann waren – er wurde all überall gebraucht und strich jeden Abend ein hübsches Sümmchen ein. Eines Nachts aber hatte er alles vertrunken und war nicht länger in der Lage, seinem Dudelsack auch nur einen einzigen Ton zu entlocken. Da wusste er selber, dass es nun genug war, nahm sein Bündel, warf den Frauen noch ein paar Kusshände zu und verließ die Stube auf der Suche nach einem Nachtlager – ein Hauseingang, ein Heubündel, ein trockenes Plätzchen unter einem Dachvorsprung, alles wäre ihm recht gewesen, so müde war er auf einmal. Nun war es aber in jenen grässlichen Zeiten so, dass die Bürger und Bürgerinnen ihrer Pesttoten nicht mehr Herr wurden. Es starben in jeder Nacht mehr, als man ordnungsgemäß hätte begraben können. Es gab nicht genug Leichentücher, nicht genug Leichenwäscherinnen, nicht genug Sargzimmerer, nicht genug Totengräber, um alle zu bestatten. Und weil man sich nicht anders zu helfen wusste, war man dazu übergegangen, die Toten einfach auf die Straße hinauszulegen; wer tot war, dem konnte es gleich sein, und wer noch lebte, der hatte genug damit zu tun, die Kranken zu pflegen, zu säubern und zu betten. So lagen denn überall Leichen auf den Gassen, über die man hinwegsteigen musste. Die Stadtväter hatten wackere Männer gegen gutes Geld als Leichenkutscher verpflichtet, die nach und nach alle Gassen abfuhren und mit Tüchern vor Mund und Nase die Toten aufnahmen und hinten auf den Karren warfen, um damit zum Gottesacker zu ziehen. Und so geschah es, dass unser Dudelsackpfeifer, der da den ohnmachtähnlichen Schlaf des Bezechten schlief, unter den Achseln und an den Füßen gepackt wurde, und – schwupp – auf dem Leichenkarren landete. So tief war sein Schlaf, dass er nichts davon merkte, sondern sich auf die Seite drehte – er kam auf einer weichen Bäckersfrau zu liegen – und weiterschnorchelte. Holpernd ging es zur nächsten Straße und so fort, und – schwupp, schwupp – wurden wieder Körper auf den Wagen geworfen. Einer hatte noch den blechernen Trinkbecher bei sich und der traf den Dudelsackpfeifer an der Stirn, und da wachte er auf, schnupperte und verzog das Gesicht. Der Duft von Toten ist nämlich mit Parfüm nicht zu verwechseln. „Halt ein!”, schrie er entsetzt, als er begriff, was geschehen war. Aber es lagen schon so viele Körper neben und über ihm, dass sein Schreien dumpf war und dass vorne der Kutscher, der so eilig fuhr, wie er nur konnte, kein Wörtchen hörte. Der Dudelsackpfeifer war auf einmal hellwach – er erkannte die Gefahr, in welcher er schwebte und wusste, dass er handeln musste, wenn er lebend da herauskommen wollte. Er boxte und trat um sich gegen die Mitfahrer, die sich nicht wehren konnten, und schaffte es schließlich, sein Mundstück zwischen die Lippen zu schieben. Er blies und blies, dass es ihm die Lungen zu sprengen drohte, und – potz Blitz! – schaurige Töne entlockte er dem Instrument. Diese hörten die wenigen Leute, die sich am Straßenrand zu schaffen machten und bekreuzigten sich. „S’ ist die Pest!”, murmelten sie einander zu, „die freut sich und feiert, weil sie wieder einen Wagen voll von den Unseren hat!” Auch der Kutscher vernahm schließlich den dünnen Faden der Melodie, es zog ihm die abgebrühte Haut zusammen und er fühlte es eiskalt an den Seiten hinabstreichen. „Seit wann singen die Toten?”, fragte er sich und dachte dabei, dass es der Teufel sein musste, der sich hier einen Schabernack machte, und so drosch er auf die Pferdchen ein, dass sie schneller liefen, damit er seine unnatürliche Ladung los würde. In rasender Fahrt kam er draußen vor den Toren der Stadt an, wo man eine riesige Grube ausgehoben hatte. Dahinein kippte er die ganze stinkende Ladung Knochen und Fleisch und dachte daran, dass er, wenn er nur könnte, seine Arbeit für die Stadtväter aufgäbe, lieber heute als morgen. Da stand auf einmal einer von den Toten auf; es war unser Dudelsackpfeifer, der jetzt seine Chance ergriff. „Neiiiiiin”, schrie der Kutscher wie ein Blöder, ließ das Mundtuch fallen, Pferd und Wagen stehen und floh. Der Dudelsackpfeifer schüttelte den Kopf über so viel Kleinmütigkeit, klopfte seinem Sack den Wanst und machte sich auf den Weg zurück in die Stadt. Er sah sich kein einziges Mal nach seinen ehemaligen Gefährten da im Massengrab um; war er doch nicht dumm und wusste genau, dass nun auch sein letztes Stündlein nicht mehr fern sein konnte. Dass die Pest ansteckend war, wusste man damals schon, und wer so lange wie er unter den Toten gelegen hatte, dem blieb nicht mehr viel Zeit. Der Musikus schwor sich, seine letzten Stunden so zu verbringen, wie er gelebt hatte: von der Hand in den Mund, von dem Becher in den Schlund. Er blies seinen Dudelsack, dass es eine Lust war und viele sagten später, sie hätten nie einen besseren Dudelsackbläser gehört als jenen. Er erfand Melodien, fröhlich und traurig und wunderbar für’s Gemüt. Er aß und trank und blies und trank und wartete auf den schwarzen Tod. Aber der kam nicht. Der ließ ihn aus, keiner begriff’s, dem er seine Geschichte erzählte. Und man warf ihm staunend Münzen in die Kappe. Am Ende war er einer der ganz Wenigen, die in Nürnberg noch Musik machen konnten, als die Pest schließlich erlosch. Weil ihm die ganze Stadt darum dankbar war, ließ man später einen kleinen Dudelsackpfeifer aus Erz gießen. Wer’s nicht glaubt, der soll selber hingehen und ihn ansehen: Er steht vor der Heilig-Geist-Kirche, am Eingang zum Heugässlein und drückt Luft in seinen Sack, dass es eine Freude ist. |
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