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| Die schönsten Sagen
aus dem Münsterland - ausgewählt und erzählt von Marion Kortsteger |
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Leseprobe Das nächtliche Tanzfest zu Schöppingen ![]() Vor langer Zeit lebte in Schöppingen ein Pastor namens Haltern zu Schöppingen. Dieser hatte eine besondere Schwäche und war dafür weithin bekannt, liebte er nämlich das Feiern an sich und den Wein und die Musik ganz besonders. Und da er stets lustige Anekdoten zu berichten wusste und auch sonst für jeden Spaß zu haben war, sah man ihn überall gern. Eines Tages lud man ihn zu einem Fest im adeligen Hause Wersche. Nun waren es von dort aus gute anderthalb Stunden Fußmarsch zurück nach Schöppingen. Weil aber das Mahl so üppig und köstlich und auch der Wein wohl schmeckte, da hatte der Pastor ganz die Zeit vergessen. Überrascht bemerkte er mit einem Male, wie spät es geworden war. Die Sonne war längst untergegangen und ein wenig schwerfällig machte sich der Pastor auf, hatte er doch gut gespeist und auch dem Wein nicht wenig zugesprochen. Zuviel getrunken hatte er aber lange noch nicht, wie auch die übrigen Gäste wohl bestätigen konnten. Zum Glück war es eine milde Sommernacht und der Heimweg recht angenehm, und der Pastor kam auch zügig voran. Die Dunkelheit machte ihm keine Angst und es leuchteten auch der Mond und eine Menge Sterne am Himmel. Gut gelaunt pfiff und sang er vor sich hin. Ja, hatte er bald schon ein Dutzend Kirchenlieder rauf und runter gesungen. Plötzlich aber hielt er erstaunt inne. Es schien ihm, als höre er von Ferne eine Flöte erklingen. Und während er so lauschend dastand, vernahm er auch einen vielstimmigen Gesang, der merkwürdig in seinen Ohren tönte. Und da sah er ein Licht am Horizont, einen flackernden Feuerschein, und setzte er seinen Weg in diese Richtung fort, über eine Wiese, deren Pflanzen ihm bis an die Hüften reichten. Disteln schnitten ihm in die Hände und kratzten an seinem Gewand, aber das kümmerte ihn nicht weiter. „Seltsam, der Gesang in dieser Einöde!“, dachte er. Bald erreichte er eine Lichtung, auf der das Gras festgetreten war und mehrere kleine Feuer brannten. Und dort erblickte er eine Schar Männer und Frauen, die sich an den Händen hielten und im Kreis herumtanzten. Wie war er aber erstaunt, als er näher hinsah, kannte er sie doch alle! Es waren redliche Leute aus Schöppingen, die allesamt nie die Sonntagsmesse versäumten! Während er so verharrte und staunte, da gewahrte er in ihrer Mitte einen Mann in einem grün schimmernden Umhang. Er hatte schwarze Haare, einen dünnen Schnurrbart und ein auffallend spitzes Kinn, und der Pastor hätte schwören können, ihn noch niemals zuvor gesehen zu haben. In der Tat sah er aus, als käme er aus einem weit entfernten Land. Dieser fremde Herr thronte auf einem mit purpurnem Samt bezogenen Sessel. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und die Beine übereinander geschlagen, und seine Füße steckten in glänzenden Gamaschenschuhen. Erst jetzt sah der Pastor, dass rund um den Kreis für jeden Tänzer ein Stuhl bereitstand. „Was mochte das wohl für ein seltsames Fest sein?“, überlegte der Pastor, und ließ kein Auge von dem merkwürdigen Treiben. Sooft jemand aus der Gesellschaft vor das Gesicht des Herrn trat, der in der Mitte saß, machte er eine tiefe Verbeugung und rief: „Hu, hu, hu!“ Und dieser Ruf klang gespenstisch und beinah unmenschlich, ja, erinnerte er den Pastor an den Ruf eines Käuzchens. „Guten Abend, liebe Leute!“, sprach der Pastor. „Guten Abend, Herr Pastor!“, erwiderten alle. „Nun, ihr seid ja recht lustig.“ Die Männer und Frauen lachten, und der Herr in der Mitte fragte: „Gefiele es Ihnen, Herr Pastor, sich mit uns zu erfreuen?“ „Oh ja, gern!“, nickte der Kirchendiener, und so wurde er in den Kreis geführt. Man brachte auch ihm einen Stuhl mit leuchtend rotem Samtbezug und wohlwollend wies der Herr aus der Mitte darauf. Dankbar nahm der Pastor Platz. Da begann der Tanz aufs Neue. Die Frauen wiegten sich in den Hüften, so dass ihre bunten Röcke hochflogen, und warfen die offenen Haare weit nach hinten. Die Männer dagegen schlenkerten und schleuderten ihre Beine, als wären diese aus Stroh. Mal fassten sich alle an den Händen und tanzten im Kreise, dann wieder lösten sich einzelne Paare heraus, drehten und wanden sich. Dazu spielte der grün gekleidete Herr die eigentümliche Flöte. „Sagt, was ist dies für ein besonderes Instrument?“, fragte der Pastor. Aber der Fremde zwinkerte nur belustigt und machte eine Bewegung mit der Hand, worauf dem Pastor ein silberner Becher voll Wein gereicht wurde. Der Geistliche, der durchaus Gefallen an diesem Fest fand, nahm den Becher, und mit den Worten „Nun, in Jesu Namen!“, setzte er ihn an die Lippen. Im nächsten Augenblick aber verschwand alles: die Tänzer, der Herr in der Mitte und sogar die Stühle. Die Feuer verloschen und der Pastor blinzelte verblüfft in die Dunkelheit. Und noch während er sich die Augen rieb, bemerkte er, dass auch sein Stuhl nicht mehr da war und er stattdessen auf einem Misthaufen saß! Den Becher jedoch hatte er noch in den Händen, und als er ihn umdrehte, erkannte er die Buchstaben, die darin eingraviert waren. Standen da doch die Namen aller Tänzer und Tänzerinnen! Erleichtert, dass er nicht getrunken hatte, klopfte sich der Pastor den Mist vom Gewande und kehrte zur Landstraße zurück. Bald erreichte er müde und erschöpft, aber immerhin wohlbehalten, den Ort Schöppingen. Den Becher aber hatte er den ganzen Weg über bei sich behalten. Daraus ließ er später einen Kelch fertigen, den er den Kapuzinern in Coesfeld schenkte. |
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