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| Unheimliche
Sagen
aus dem Münsterland - ausgewählt und erzählt von Marion Kortsteger |
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Leseprobe Der letzte Erbe von Gut Homoet ![]() Glauben Sie mir, es gibt Mauern, die das Böse trinken ... Der Feuerwehrmann stutzte, als er das lederne Buch aufschlug und die erste Zeile las. „Hier gibt’s nicht mehr viel zu tun!“, rief sein Kollege. Das alte Gutshaus war bis auf die Grundmauern abgebrannt, einzig die geschwärzten Mauern des großen Kamins staken aus den Trümmern. Beißender Rauch hing in der Luft. Der alte Wehrturm allerdings war unversehrt geblieben. In der Kammer dort oben hatte der Feuerwehrmann das Buch gefunden, auf dem Schreibtisch, sodass man es sofort sehen musste. Geschrieben war es in Sütterlin, die Tinte ein wenig verblasst. ... es gibt Mauern, die das Böse trinken. Die wie Schwämme das Entsetzliche in sich saugen, um es für alle Ewigkeiten zu bewahren. Ich muss es wissen, wurde ich doch hier geboren, auf dem Gut Homoet auf der Beerlage, nahe Billerbeck. Für ein Kind von empfindsamem Gemüt ist so ein altes Gemäuer kein guter Ort. Mein ganzes Leben verbrachte ich im Schatten der jahrhundertealten Mauern. Besonders beschäftigte mich der düstere Turm, den ich fürchtete und der mich doch seit frühster Kindheit anzog. Sooft es mir gelang, stahl ich mich von den Eltern und Dienstboten fort und verkroch mich dort oben. Der Wind heulte und zog durch die Steine, aber nur dort fühlte ich mich sicher vor den Dämonen, die im Gut auf mich lauerten. Unsere Küchenmägde hatten wiederholt Katzen mit in die Wohnstuben gebracht, aber jedes Mal ergriffen diese augenblicklich die Flucht. Die Hühner mussten wir weit außerhalb halten, genauso wie die Rinder, die das saftige Gras auf der nahen Weide verschmähten. Auch war das Wasser der Gräfte stets trübe, undurchdringlich und schwarz, und niemals sah ich darin Fische, Frösche oder andere Lebewesen. Ich war ein stilles, in sich gekehrtes Kind. Man könnte es meinen stets überreizten Nerven zuschreiben, dass ich in den Schatten Gestalten sah, grauenhafte Kreaturen. Sie flohen, sobald ich versuchte, jemanden auf sie aufmerksam zu machen. So gewöhnte ich mich daran, dass sie sich vor anderen verbargen und nur mir ihre Existenz verrieten. Mein Bruder verspottete mich, wenn ich schreiend aus meinen Albträumen schreckte. Er war älter und in allem robuster als ich, und ich litt unter seiner kraftstrotzenden Anwesenheit. Später allerdings verging kein Tag, an dem ich nicht an ihn dachte. Einmal war ein Jesuitenpater unser Gast. Dieser alte, weit gereiste Mann besprengte die Schwelle unseres Eingangs mit Weihwasser und sein Blick glitt über die Wände mit einem Ausdruck von Zweifel, der, wie mir schien, einem ungläubigen Entsetzen wich, nachdem er die Nacht in einem der Gästezimmer verbracht hatte. Am nächsten Morgen verließ er das Gut, kreidebleich und ohne das Frühstück auch nur angerührt zu haben. Vielleicht hätte ich mich ihm anvertrauen können, aber zu sehr war ich daran gewohnt, dass niemand mir Glauben schenkte. Meine Gesundheit war schwach, schon beim leichtesten Windhauch wurde ich krank und musste wochenlang das Bett hüten. Diese Aufenthalte in meiner Kammer waren jedes Mal schrecklich, war ich doch den Schattenkreaturen ausgeliefert. In den Abendstunden, wenn die Sonne hinter den Baumbergen versank, traten sie aus den Mauern und glotzten mich mit ihren fischartigen Augen an. In den ersten Jahren konnte ich ihre Stimmen noch nicht hören. Erst im Alter von etwa zwölf Jahren wurde mir das Gemurmel bewusst und es musste noch eine ganze Zeit vergehen, bis ich die Worte verstehen lernte. Es herrschten trostlose Zeiten. Allein im Jahr 1850 wanderten siebzigtausend Deutsche nach Übersee aus. Das war etwa die Zeit, als mein Bruder uns verließ. Er war damals 27 Jahre alt. Sie halten es für seltsam, dass ausgerechnet der Erbe eines so prächtigen Landgutes die Heimat verlässt? Nun, das fanden auch die Leute aus dem Dorf. Sie versuchten, mich auszuhorchen, aber ich blieb bei der Amerikageschichte. Ob er nun tatsächlich den Atlantik überquert hatte, wer konnte das prüfen? Es war wohl so, dass sie mir das Erbe nicht gönnten. Ich war ihnen unheimlich mit meiner beinahe milchweißen Haut und den großen Augen hinter den Brillengläsern. Merkwürdig fanden sie auch, dass ich keinerlei Interesse an ihren Töchtern zeigte, nicht an den Dorfschönheiten und erst recht nicht an den Unansehnlichen, deren Fleiß und Arbeitseifer sie priesen. Nein, es hätten alle lieber gesehen, wäre ich derjenige gewesen, der verschwunden blieb, und es gab auch Momente, da ich überlegte, das Gut zu verlassen. Ich dachte an Münster, aber gleichzeitig erschreckte mich der Gedanke an die vielen Menschen auf den Straßen. Zu sehr liebte ich die Einsamkeit, den Wehrturm, in dem ich stunden-, ja tagelang ungestört lesen konnte. Und schließlich band mich eine geheimnisvolle Macht an das Gut. Insgeheim war ich mir sicher, gar nicht entkommen zu können. Der Turm wurde für mich mehr und mehr zum Unterschlupf. Darin war ich sicher vor dem Vater, der mich mit meinen Aufgaben, wie er es nannte, vertraut machen wollte. Ich aber wollte gar nicht in diese Dinge eingeführt werden. Mich interessierte nicht, wie man einen Hof zu führen hatte, wie man mit Dienstboten sprach, wie man die Ländereien und Kotten verwaltete. Ich zog mich zu den Büchern zurück, die mir so viel bedeuteten. Besonders die phantastischen Geschichten eines kürzlich verstorbenen Amerikaners mit Namen Poe hatten es mir angetan, und ich verlor mich in Tagträumen, ja, verfiel in beinah rauschhafte Zustände, aus denen ich nur schwer in die Realität zurückfand. Es gab einen unterirdischen Gang zu meinem Turm. Meine Urahnen hatten ihn benutzt, als die Hessen gegen die Schweden kämpften, um ihren Besitz und nicht zuletzt sich selbst hier unten in Sicherheit zu bringen. Dieser Geheimgang stachelte meine Fantasie an, und ich untersuchte ihn auf das Genaueste. Ich wusste, das Tafelsilber und den Schmuck hatte man zurück in die Wohnräume gebracht, aber in einer Wandnische entdeckte ich eine staubbedeckte Holztruhe. Mit zitternden Fingern öffnete ich sie und mein Herz hüpfte mir vor Freude, als ich sah, dass die Kiste gefüllt war mit Büchern! Sie mochten meinen Vorfahren nicht wertvoll genug gewesen sein, glaubte ich. Inzwischen weiß ich, sie waren ihnen zu wertvoll, die Wahrheit darin so bedeutend und zugleich schrecklich, dass man sie vor arglosen Heranwachsenden versteckt halten wollte. Ich fand das berühmte Musurgia universalis des Jesuiten Athanasius Kircher aus dem Jahr 1650 sowie eine Ausgabe des De memoria reparanda des italienischen Gelehrten Gugielmo Gratarolo. Was mich aber am meisten faszinierte, war eine Ausgabe des Necronomicons, jenem verbotenen „Buch der toten Namen“, das der arabische Gelehrte Abdul Al-Hazred im 8. Jahrhundert niedergeschrieben hatte und von dem es nur einige wenige Abschriften und Übersetzungen gab. Es war in braunem Leinen gebunden, die Lettern in Gold geprägt. Vom ersten Augenblick an schlug es mich in seinen Bann. Ich nahm es mit in meinen Turm, wo ich unter einer der Schießscharten kauerte, sodass gerade genug Licht auf die Seiten fiel, der Raum um mich herum aber im Dunkeln lag, und begann zu lesen. Als ich bei dem Kapitel „Vom Geheimnis der Mauern“ angelangt war, wurde mir vor Aufregung schwindlig. Die menschlichen Ausdünstungen, Schweiß und Atemluft lagerten sich in den Wänden der Häuser ab, stand da. Waren die Mauern von genug Substanz durchdrungen, käme es häufig zu einer Art elektrischer Entladung, die sich im Gefühl einer unerklärbaren Anwesenheit zeige. In sehr alten Gemäuern könnte es durch jahrhundertealte Ablagerungen zu so starken Materialisationen kommen, dass nahezu greifbare Wesen aus den Wänden träten und Kontakt zu den Lebenden aufnähmen. Schrecklich würde es dann, wenn solche Gebäude lange Zeit das Böse beherbergt hatten. Die so genährten Gespenster wären bestrebt, ihre Macht auszuweiten. Mitunter käme es bei empfindlichen Bewohnern zu Veränderungen des Bewusstseins. Geisteskrankheiten, Suizide und Morde häuften sich in einer solchen Umgebung. Nachdem mein Bruder so plötzlich fort war, zerbrachen meine Eltern von einem Tag auf den anderen. Bis zu ihrem Tode warteten sie. Klopfte es an der Pforte, entglitt meiner Mutter, was sie in den Händen hielt, und sie raffte die Röcke und eilte zur Tür. Aber immer kehrte sie mit hängendem Kopf zurück. Mich hätten sie nicht so vermisst, dachte ich oft. Ständig war die Erinnerung an ihn gegenwärtig, die wilde Anmut, mit der er sich das Haar aus dem Gesicht strich, die Art, wie er spöttisch die Lippen schürzte. Sein Lachen schallte durchs Haus wie seine Schritte, das Gehen war ihm zu langsam und so lief oder sprang er. Ich sah ihm lieber zu, als mich an seinen ausgelassenen Spielen zu beteiligen. Sein Leichtsinn ängstigte mich und ich versuchte, ihn vor den Schattenkreaturen zu warnen. Er spottete über das, was er als meine „Hirngespinste“ abtat. Ich hörte jedoch nicht auf, ihm Hinweise zu geben. So schrieb ich Passagen aus dem Necronomicon ab und steckte das Papier zwischen seine Kleider. Später fand ich es zerknüllt unter seinem Bett. Er war so leichtsinnig. Ich sah ihn sich weit in unseren Kamin hineinbückend, als das Feuer nicht zünden wollte und er vermutete, ein Vogel hätte sein Nest in den Schornstein gebaut, sodass der Rauch nicht abzöge. Sofern ich mich erinnere, hatte sich niemals ein Vogel auf einem unserer Dächer auch nur flüchtig niedergelassen. Ich riss ihn zurück, bevor die Schattenkreaturen ihn hineinziehen konnten. Er aber wurde wütend und sagte etwas von einem Irrenhaus, in das ich gehörte. Von da an war ich vorsichtiger. Verkniff mir die Warnungen. Obwohl ich wusste, dass er in Gefahr war. Die Schattenkreaturen wollten ihn. Er war so kräftig, so gesund. Sie verlangten nach ihm. Nacht für Nacht. Ich drückte mir die Kissen auf die Ohren, aber dennoch hörte ich sie flüstern. Ihre Stimmen dröhnten in meinem Kopf. Als er verschwunden war, wusste ich, er würde nicht mehr zurückkehren. Mehr als sonst vermied ich, die Wände zu berühren. Sie schienen gesättigt, aber wie lange mochte es anhalten?, und so fühlte ich mich einzig in meinem Turm sicher. Niemals sandte mein Bruder einen Brief. Die Dienstboten und die Leute aus dem Dorf begannen, mich zu plagen. Wo sie mich sahen, fielen sie über mich her, „Wie geht es Ihrem Herrn Bruder in Amerika?“ Wie sie dabei die Augen zusammenkniffen! Nur einmal verlor ich die Nerven gegenüber einer Bäuerin und schrie: „Ich wünschte, ich wäre mit ihm gegangen, dann müsste ich Euch neugierige Waschweiber nicht mehr ertragen!“ Das sprach sich im Dorfe herum und sie ließen die Fragerei sein. Nachdem meine Eltern unter der Erde lagen, machten sie alle einen großen Bogen um das Gut. Selbst die Boten beeilten sich, vom Hof zu kommen. Was mir nur recht war. Nichts ist mir so zuwider wie Menschen, die ihre Nase in die Dinge anderer Leute stecken. Das Schicksal meinte es nicht gut mit mir, würde man wohl sagen. Am 1. Oktober 1882 wurden mir von vier vermummten Männern ein Doppelgewehr, eine Uhr und viel Bargeld gestohlen. So ereiferte man sich im Dorf. Als hätte mir das etwas bedeutet! War es doch das Haus, seine Mauern, die mit namenlosen Schrecken getränkt waren, die mich quälten. Nachts schreckte ich aus dem Schlaf, und dann begannen die Stimmen, mit ihren Schlangenzungen auf mich einzuflüstern. Ich gewöhnte mir an, im Turm zu wachen. Ich nutzte die Stunden der Dunkelheit und Stille, um mich in meine Bücher zu vertiefen, so auch immer wieder in das Necronomicon. Oftmals unternahm ich nächtliche Wanderungen, aber nur in den milden Nächten, vertrug ich doch die nasskalte Witterung nicht. Ich durchstreifte die Wälder der Baumberge, in denen halb zerfallene Mordkreuze der Menschen gedachten, die für ihren Leichtsinn hatten bezahlen müssen, so auch die Mersche Tilbeck. Wer immer das Necronomicon versteckt hatte, er musste darin gelesen haben. Hatte auch er Kontakt zu den Schattenkreaturen? Ich suchte zwischen den Gräbern der Familiengruft, las die Inschriften der Steinplatten, jedoch die Toten behielten ihre Geheimnisse. Laut sprach ich ihre Namen und horchte in den Wind, aber hier draußen antwortete niemand. Ich wusste, es war riskant, trotzdem begann ich, mit Laudanum zu experimentieren. Im Rausch sah ich meine verstorbenen Urahnen am Horizont vorbei ziehen, immer war mein Bruder unter ihnen, obwohl er zu der Zeit sehr wohl noch lebte. Die Stimmen der Schattenkreaturen wurden lauter und lauter. Sie forderten ihn. „ Du musst mal mit anfassen!“, rief einer der Kollegen. „Wir müssen den Kamin abreißen. Einsturzgefahr!“ Der Feuerwehrmann klappte das Buch zu und ließ es in der Jackentasche verschwinden. „Kann sich noch einer an den Typen erinnern, der früher hier gelebt hat?“, fragte er. „An den Spinner? Nee, wieso fragst du?“ „Nur so.“ Der Kamin fiel beinah von selbst in sich zusammen. Es dauerte eine Weile, bis sich der Staub legte. Die Männer wollten sich schon zum Gehen wenden, da sahen sie im Schutt das Skelett. Der Arzt, der aus Billerbeck eintraf, identifizierte den Toten als einen Mann zwischen 25 und 30 Jahren. Sein Schädel wies massive Verletzungen auf. „Könnt ihr mal sehen, hat der Kerl damals doch seinen Bruder getötet. In Verdacht hatten sie ihn ja alle,“ sagte einer der älteren Kollegen. Der Feuerwehrmann tastete nach dem Buch in seiner Tasche. ... Es gibt Mauern, die dürsten nach Blut. Nachdem sie sich meinen Bruder geholt hatten, war lange Zeit Ruhe. Aber dann wollten sie mich. Ich weiß es, sie rufen nach mir. Nachts höre ich ihre Stimmen, stärker als je zuvor. Ich verstecke mich hier oben. Sie kriegen mich nicht. |
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