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| Münsterland-Sagen
von Schlössern und Burgen - ausgewählt und erzählt von Marion Kortsteger |
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Leseprobe Das steinerne Bildnis von Velen ![]() Wenn ich doch nur geahnt hätte, was der Ritter von Velen im Schilde führte, als er mir das steinerne Bildnis in Auftrag gab! Aber ich war jung, in jenen Jahren, in denen die Ernten so mager ausfielen, dass die Bauern halb verhungert auf ihren Feldern zusammenbrachen. In Süddeutschland hatten sie erbitterte Kämpfe gegen die Obrigkeit geführt, Klöster und Kirchen gestürmt und all die herrlichen Kunstwerke in Brand gesetzt. Auch in Münster hatten Aufständische den Figuren die Gesichter zerschlagen, sie von den Sockeln geworfen und als Abtritte benutzt. Der Gedanke an die wundervollen Arbeiten, die für alle Zeiten verloren waren, schmerzte mich. Es war keine gute Zeit für uns Bildensnyder, wie wir uns nannten, die wenigen, die dieser Beruf mehr schlecht als recht ernährte. Und so kann man sich wohl meine Freude vorstellen, als mich ein Gesandter des Burgherrn von Velen in meiner bescheidenen Werkstatt aufsuchte. Ich erinnere mich noch genau an jenen schwül-heißen Nachmittag. Ganze Fliegenschwärme belagerten meine Werkstatt, sodass die Wände und Arbeitsbänke schwarz erschienen. Dutzende hatte ich mit der bloßen Hand erschlagen, aber es wurden nicht weniger. Obwohl ich das Fenster versperrt und die Tür geschlossen hielt, drangen sie durch Mauerritzen und ließen nicht davon ab, meine Mitarbeiter und mich zu quälen. Immer wieder landeten sie auf unserer schweißnassen Haut, liefen über unsere nackten Arme, versuchten in unsere Münder zu kriechen und aus unseren Augen zu saufen. In den Gassen türmten sich Unrat und Tierkadaver, und der Gestank war erbärmlich. In dieser Hölle tauchte der Gesandte des Burgherrn auf. Ich sollte ihm auf der Stelle zur Wasserburg Velen folgen, verlangte er. An sich hätte mich sein barsches Auftreten erzürnen müssen, aber wie schon gesagt, die Zeiten waren hart für uns Bildensnyder, besonders, da die Lutheraner mehr und mehr die Fäden in der Hand hielten, die Lutheraner, die an das Wort glaubten und die Bilder schmähten. Neidvoll lauschte ich den Berichten der Reisenden, die aus dem Süden eintrafen, aus Italien, dem Land, in dem sich die Bildhauer Künstler nannten. Wie sehr wünschte ich mich an den Hof der Medicis, der Dogen oder des Papstes! Nun war ich aber im Münsterland, festverwurzelt mit der dunklen, feuchten Erde, und so blieb mir nichts anderes übrig an jenem Tag im August, als auf den Wagen des Ritters zu steigen, der mich durch Gemen und Ramsdorf nach Velen bringen sollte. Die Fahrt war lang und ermüdend und nur erträglich, da ich mir ausmalte, bald ein gemachter Mann zu sein, mit neuen Kleidern und glänzenden Stiefeln. Was mochte der Burgherr auf dem Herzen haben, dass er einen Wagen nach mir schickte? Überall waren die Bauern auf den Feldern, um das Korn vor dem nahenden Gewitter abzuernten. Sahen sie unseren Wagen, so wichen sie zurück. In ihrer linkischen Art erinnerten sie mich an Mäuse. Sie hatten missgebildete Zähne und eingefallene Wangen, struppiges Haar und ungewaschene, graue Kleider. Aus sicherer Entfernung musterten sie uns, wobei sie ihre Mistforken wie Waffen auf uns richteten. Ich verabscheute die Bauern, sie waren roh und ungeschliffen, grobschlächtig und hinterlistig, und nur Menschen wie sie schreckten nicht davor zurück, Kunstwerke in die Flammen zu werfen. Der Kutscher gab den Pferden die Peitsche und so jagten wir dahin, auf das Dorf Velen zu, während sich der Himmel über uns verdunkelte. Immer düsterer wurden die Wolken, immer bedrohlicher. Und kaum hatten wir die Zugbrücke überquert, prasselte der Regen herab. Ich beeilte mich, in die Burg zu kommen. Im nächsten Moment zischten Blitze durch die Luft und der Donner ließ die Mauern erzittern. ... ... |
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