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| Die schönsten Sagen
aus der Region Hamburg und Niederelbe - ausgewählt und erzählt von Anke Cibach |
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Leseprobe
Der Teufel auf der Postkutsche Unmutig schlug der Kaufmann in der Buxtehuder Wirtschaft mit der Faust auf den Tisch. „Ihr wollt mir weismachen, dass ich meine Waren nicht mehr versenden kann? Den Handelspartner in Sittensen nur auf Umwegen über reitende Boten erreiche? Ja, da hätte ich wohl gleich eine Kutsche von Hamburg aus nehmen können.“ „Der Postknecht hat den Dienst niedergelegt“, erklärte der Wirt achselzuckend und warf den übrigen Gästen warnende Blicke zu. „Was ist mit ihm, lahmen die Pferde, oder ist gar die Achse gebrochen?“ „In Gottes Namen, forscht nicht nach, guter Mann“, versuchte ein Gast ihn zu beschwichtigen und schlug heimlich ein Kreuz. Das entging dem Kaufmann nicht, und er wandte sich erneut an den Wirt. „Es soll Euer Schaden nicht sein, wenn Ihr mir einen Grund nennt, warum der Postdienst eingestellt wurde. Vielleicht weiß ich gar von meinen eigenen Bediensteten einen neuen Knecht für Euch.“ „Wie Ihr wollt“, der Wirt winkte ihn näher heran und schenkte für beide einen Obstbrand ein, „aber halb tot ist er gewesen, unser Hinnerk, als er bei seiner letzten Fahrt Sittensen endlich erreichte. Wollt Ihr wirklich wissen, was sich zutrug?“ Der Kaufmann nickte und zog ein paar Silbertaler aus der Tasche. „Für den, der heute noch die Strecke für mich fährt. Schneller als der Teufel.“ Die Leute schauten sich ängstlich um, als wenn der Leibhaftige direkt unter ihnen säße. „Ihr sollt es nicht berufen“, mahnte der Wirt. „Hier hat man Respekt vor Himmel und Hölle. Also hört, was sich jüngst zugetragen hat: Unser Postknecht ist die Strecke schon oft gefahren, aber als er diesmal den Thörenwald passiert hatte und sich etwa zwischen Lengenbostel und Freetz befand, scheuten überraschend die Pferde, rollten unnatürlich mit den Augen und wieherten ängstlich. Im selben Augenblick tauchte eine schwarz gekleidete Gestalt wie aus dem Nichts auf und schwang sich zu Hinnerk auf den Bock. Unheimlich war er, der fremde Gesell, schwarz sein Antlitz, und ein beißender, stechender Geruch schien von ihm auszugehen. „Hü“, wollte Hinnerk die Pferde antreiben, aber diese legten sich vergeblich in die Sielen, bis Schaum aus ihren Nüstern drang. Nicht einen Meter kam die Kutsche von der Stelle, und Blitze zuckten vom plötzlich verfinsterten Himmel. Der Schwarze lachte auf eine Art, wie kein menschliches Wesen zu lachen pflegte, und da erkannte Hinnerk in dem Fremden den Satan persönlich. Was tun? Unser Hinnerk war immer ein gottesfürchtiger Mensch gewesen, so griff er schnell nach seinem Posthorn und blies ohne Zaudern ein kräftiges „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“. Aber wen wundert’s, der Teufel kreischte nur höhnisch auf und ließ einen Geruch fahren, dass es den Kutscher fast vom Bock gerissen hätte. Da sich das Lied als nicht wirksam erwiesen hatte, ging der Postknecht mit dem Mut der Verzweiflung zu „Eine feste Burg ist unser Gott“ über. Die Pferde bäumten sich auf, des Teufels Hörner glühten wie erhitztes Eisen, und von des Teufels Antlitz löste sich die Haut wie bei einem Leprakranken. Aber erst nach der dritten Strophe räumte der Fürst der Finsternis seinen Platz und wurde von einer Erdspalte verschluckt, die sich grollend direkt vor der Kutsche auftat. Hinnerk ließ die Zügel locker, und so preschten die Tiere wieder vorwärts, als ob der Leibhaftige noch hinter ihnen her wäre. Zitternd, kaum der Sprache mächtig erreichte der Postkutscher endlich Sittensen und berichtete von dem grauenhaften Erlebnis. Als er trotz seiner Bedenken die Fahrt mit einigen beherzten Männern erneut auf sich nahm, wiederholte sich das gespenstische Erlebnis in allen Einzelheiten. Seitdem quälen ihn Albträume, und sein Herz setzt manchmal aus, nie wieder wird er auf den Kutschbock steigen, das ist gewiss“, schloss der Wirt seine Erzählung. Dem Kaufmann war unbehaglich, aber seine Geschäfte duldeten keinen Aufschub. Flugs zog er einen weiteren Beutel mit Dukaten hervor und fand auch einen zwielichtigen Genossen, von Berufs wegen ein Räuber, dessen Feigheit nur noch von der Gier nach schnödem Mammon übertroffen wurde. „Ich werde für Euch fahren, wenn Ihr mich begleitet und am Ziel noch einmal eine ebensolche Summe zahlt“, forderte er mit verschlagenem Blick. Allen Warnungen zum Trotze brachen die beiden noch in der selben Stunde auf. Als sie den Wald erreichten, peitschte der Räuber auf die Pferde ein, doch es half nichts, an der besagten Stelle der Strecke blieben die Tiere mit zitternden Flanken stehen, und wieder stieg der schwarze Teufel auf den Bock und trommelte mit seinem Huf einen gespenstischen Rhythmus. „So blast doch endlich“, rief der Kaufmann in Panik aus dem Inneren der Kutsche. Doch der Räuber wusste nicht zu blasen, und so stimmte er mit falscher Stimme irgendein Sauflied an. Da triumphierte der Teufel und packte ihn mit seinem Schwanze um den Hals, bis kein Laut mehr aus der Kehle drang, und die Zunge schwarz hervorquoll. „Ein feste Burg ist unser Gott“, sang der Kaufmann mit fester Stimme, wie er seit ewigen Zeiten nicht mehr gesungen hatte. In Gedanken bereute er alle seine Sünden, und derer waren es viele gewesen ... Doch der Teufel streckte auch nach ihm seine behaarten Klauen aus, der pestilenzartige Gestank breitete sich aus, und so steigerte der Kaufmann seinen Gesang zu einem wahren Engelschor, bis er in eine gnädige Ohnmacht versank. Die Pferde fanden den Weg alleine zurück, und später, erst viel später, als er sein Bewusstsein wieder erlangt hatte, erzählte der Kaufmann demütig von seiner wundersamen Rettung, die er nur einem Kirchenlied zu verdanken hatte. Die Leute nahmen das als endgültigen Beweis für Hinnerks Geschichte, und so fuhr nie wieder eine Postkutsche von Buxtehude nach Sittensen. |
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