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| Die
schönsten Sagen aus der Region Kassel - ausgewählt und nacherzählt von Burckhard Garbe |
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Leseprobe
Die Belagerung der Weidelsburg Einer der berühmtesten Herren auf der Weidelsburg war wohl Reinhard von Dalwigk, der sie zusammen mit der Naumburg 1431 als „Amtmann” oder „Lehn- und Burgmann” übernahm. Ihn nannte man den „Ungeborenen”, weil er durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen war. Er gehörte zu jenem Rittergeschlecht, das auf der Schauenburg bei Hoof so lange gelebt hat und bis auf den heutigen Tag in vielen Zweigen noch immer blüht. Von diesem Reinhard von Dalwigk berichtet die Sage, er sei einer der kühnsten Ritter seiner Zeit gewesen, klug und tapfer vor anderen, aber voll unruhigen Geistes. Immer wieder gelang es ihm, sich den Nachstellungen seiner zahlreichen Feinde geschickt zu entziehen, einmal nur dadurch, dass er, um weiterer Verfolgung zu entgehen, seinem Pferde die Hufeisen verkehrt herum hatte aufnageln lassen. Weil er als Ritter kein Auskommen mehr gefunden hatte, war er zum Raubritter geworden, der bald Neid, Eifersucht und Hass unter dem benachbarten Adel erregte. Die Liste seiner Taten war lang: Er überfiel die bei der Weidelsburg vorbeifahrenden Kaufleute und verschonte auch die Ippinghauser Bürger nicht. Er brandschatzte benachbarte Orte und Städte, besetzte so manches Schloss nahebei und zog zu immer neuen Beutezügen aus. So überfiel er mit seinen rauflustigen Mitstreitern Viehherden, die auf den Weiden weideten, erschlug die Hirten und ließ das Vieh in die Nähe seiner Burg treiben, worauf ein dreitägiges triumphales Gelage folgte. Am Tage danach raubten sie Pferde, stahlen aus einer Burg Harnische und andere Geräte, überfielen die umliegenden Dörfer und brannten Häuser und Scheunen nieder, ja, sie überfielen sogar auf Wallfahrt befindliche gläubige Bürger und raubten ihnen Pferd und Geld. Auch schrieb er Erpresser- und Fehdebriefe an Edelherren, Gemeinden und ganze Städte und war er für viele seiner Mitmenschen nicht minder furchterregend wie die zur gleichen Zeit grassierende Pest. So war er hoch zu Ross in Rüstung, mit Lanze und Schwert zu immensem Reichtum gekommen und hatte sich einen großen Aufwand zu leben angewöhnet, hielt er doch immer zwei bis drei Edelleute und über zwanzig reisige Pferde auf seiner Burg. Doch seine Fehdesucht wurde den hessischen Fürsten und auch den Mainzer Herren schließlich und endlich ein Dorn im Auge. Weil er es zu arg getrieben und im ganzen Gebiet mehrere Dörfer sowie das gräfliche Schloss in Gudensberg niedergebrannt, ergriff der hessische Landgraf Ludwig II., genannt „der Friedfertige”, härtere Strafmaßnahmen, bot zahlreiche Mannschaft auf, auch kurmainzische Truppen halfen; und alle gemeinsam belagerten sie 1448 den Feind in der Weidelsburg. Und dauerte das lange Zeit. Schon hatte Reinhard von Dalwigk, da die in den Vorratskammern lagernden Ess- und Trinkwaren mittlerweile aufgezehrt waren, alle Hoffnung aufgegeben und musste er einsehen, dass seine Burg auf Dauer nicht zu halten war, und wollte sich dem Landgrafen schon auf Gedeih und Verderb ergeben. Da fasste Reinhards treue Ehefrau Agnes einen mutigen Entschluss und wollte sie versuchen, den erzürnten Landgrafen umzustimmen. Mit ihrem schönsten Schmuck angetan, begab sich die Edelfrau Agnes von Dalwigk in das feindliche Lager des Landgrafen. Sie tat einen tiefen Fußfall und bat für ihren Mann und für sich um Gnade. Lange verharrte Ludwig in seinem berechtigten Zorne und schwur, dass alle Burgbewohner, ob Frau oder Mann, sollten dem Tode oder der Gefangenschaft verfallen sein. Agnes aber bat und bat. Endlich vermochte der Landgraf ihren Bitten und Tränen nicht mehr zu widerstehen, und wurde sein Herz erweicht. „Nun gut”, entschied er dann, „da die Weiber in der Burg unschuldig sind an den Freveln, sollen sie Gnade vor mir finden. Ihr, edle Frau Agnes, mögt Eure Mägde und Jungfrauen zusammenrufen, um Euch selbst und sie mit Euren liebsten Schätzen zu beladen, was irgend Ihr mitnehmen wollet und könnt. Euch Frauen soll freier Abzug gestattet sein und will ich Euch meinen persönlichen Schutz angedeihen lassen. Allen Mannsbildern jedoch ist das Heruntersteigen streng untersagt, und haben diese abzuwarten meinen ferneren Entscheid über ihr Leben.” Die mutige Edelfrau nun eilte mit dieser Botschaft zurück in die Burg und zu ihrem Mann und entwarf sofort einen Plan, wie er wäre zu retten. So belud sie ihre Frauen und Mägde mit allen kostbaren Kleidern, Kleinodien und wertvollen Gegenständen. Sie selbst aber nahm ihren Mann „huckepack” auf den Rücken. Zwar war er schwerer, als sie erwartet; aber sie wollte ihn ja retten. Reinhard von Dalwigk wollte es zunächst nicht leiden, dass sie ihn auf diese listige Weise zu retten versuche; kannte er doch zur Genüge den unversöhnlichen Zorn des Landgrafen gegen ihn. Doch Agnes wandte ein: „Der Landgraf hat mir sein Wort gegeben als Ehren- und Edelmann, dass ich das Liebste, was ich habe, heruntertragen und in seinen Schutz stellen kann. Du wirst sehen, mein liebster Gemahl: Ludwig wird sein Wort halten. Er wird nicht deuteln lassen an seinem Worte. Hat er doch nur verboten, dass Mannespersonen selber hinabsteigen; das tust du nicht, wenn ich dich trage.” Und sie nahm all ihre Kraft zusammen und ihren Mann auf den Rücken und trug ihn Schritt für Schritt für Schritt aus dem Innenhofe der Weidelsburg über den Hof mit den Pferdestallungen zum Osttore hinaus und den Hügel hinab und vor die Augen des hessischen Landgrafen. Der staunte nicht schlecht und fehlte es nicht an Beratern des Landgrafen, die ihm rieten, er möge eine solche Weiberlist nicht dulden. So habe er es nicht gemeint. Aber der wackere Landgraf sprach: „Ein Mann – ein Wort!” Und ließ an seinem Fürstenworte nicht drehen und nicht deuteln. „Möchte es doch”, so rief er gerührt aus, „überall in meinem Hessenlande so stehen, dass des Weibes liebster Schatz ihr Mann ist!” Und pries er sich glücklich im Stillen, dass auch das hessische Land nun seine sprichwörtliche Weibertreue habe. |
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